Geschäftsklima-Umfrage Russland 2020: Hausgemachte Störfaktoren belasten das Geschäft

Das Geschäftsklima in Russland bleibt weiter eingetrübt. Die größten Störfaktoren im Russland-Geschäft deutscher Unternehmen sind dabei die Bürokratie und die schwache Konjunkturentwicklung. Aber auch protektionistische Hürden machen den Unternehmen zu schaffen. Die Wirtschaftssanktionen haben dagegen etwas an Gewicht verloren. Dies sind zentrale Ergebnisse der 17. Geschäftsklima-Umfrage der Deutsch-Russischen Auslandshandelskammer (AHK) und des Ost-Ausschuss - Osteuropavereins der Deutschen Wirtschaft (OAOEV). An der Umfrage haben sich 112 deutsche Unternehmen beteiligt, die in Russland über 144.000 Mitarbeiter beschäftigen und gut 18 Milliarden Euro umsetzen. Die Ergebnisse wurden am 3. Dezember durch den Vorstandsvorsitzenden der AHK Matthias Schepp und den Vorsitzenden der Geschäftsführung des OAOEV Michael Harms in Berlin vorgestellt.

Geschäftsklima-Umfrage Russland 2020: Hausgemachte Störfaktoren belasten das Geschäft

30 Prozent der befragten deutschen Unternehmen haben 2019 eine positive Veränderung des Geschäftsklimas in Russland beobachtet (Vorjahr 32 Prozent), 39 Prozent sprechen von gleichbleibenden Bedingungen, 31 Prozent sehen eine negative Entwicklung. 62 Prozent der deutschen Unternehmen in Russland sehen sich von protektionistischen Maßnahmen betroffen, insbesondere bei öffentlichen Ausschreibungen. „Bei den Störfaktoren im Russland-Geschäft haben hausgemachte Probleme wie der bürokratische Aufwand und protektionistische Hürden an Bedeutung gewonnen“, sagte Michael Harms: „Die russische Regierung sollte jetzt durch den Abbau von Bürokratie und die gezielte Förderung des Mittelstands für neue Wachstumsimpulse sorgen.“

Mit ihrer eigenen Geschäftslage in Russland sind die deutschen Unternehmen mehrheitlich zufrieden. 41 Prozent bewerten ihre Geschäftslage mit gut bis sehr gut (Vorjahr 40 Prozent), 51 Prozent als befriedigend (Vorjahr 47 Prozent). Jeweils ein Drittel der Unternehmen will seine Belegschaft in Russland ausbauen und dort in den nächsten zwölf Monaten investieren. Die geplanten Investitionen belaufen sich auf fast 530 Millionen Euro. Für gut die Hälfte der befragten deutschen Unternehmen wird die Bedeutung Russlands langfristig weiter zunehmen.


Matthias Schepp, Vorstandsvorsitzender der Deutsch-Russischen Auslandshandelskammer (AHK)

Die deutsche Wirtschaft setzt weiterhin auf den Standort Russland und investiert kräftig. Die deutschen Netto-Direktinvestitionen in Russland erreichten 2018 die Marke von 3,26 Milliarden Euro – das ist ein Spitzenwert seit der Finanzkrise vor zehn Jahren.

Matthias Schepp, Vorstandsvorsitzender der Deutsch-Russischen Auslandshandelskammer (AHK)

Mehr Optimismus für 2020

Etwas optimistischer als vor einem Jahr zeigen sich die befragten Unternehmen hinsichtlich der wirtschaftlichen Entwicklung im kommenden Jahr: Immerhin 43 Prozent der Befragten rechnen für 2020 mit einer positiven oder leicht positiven Wirtschaftsentwicklung (Vorjahr 41 Prozent), nur noch 15 Prozent befürchten eine Verschlechterung (23 Prozent).

„Trotz schwacher Konjunktur wachsen die deutschen Unternehmen insgesamt schneller als der russische Markt“, so Matthias Schepp. „Das merken wir auch an unserer eigenen Entwicklung. Die AHK ist der einzige internationale Wirtschaftsverband, der seine Mitgliederzahlen um zehn Prozent auf über 900 Unternehmen verbessern konnte“.

Überraschend optimistisch sind die Unternehmen auch bezüglich des russisch-ukrainischen Verhältnisses: 69 Prozent rechnen unter dem neuen ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj mit einer Verbesserung. „Die Aussicht auf eine zumindest leichte Entspannung im russisch-ukrainischen Verhältnis dämpft offenbar auch die Sorge vor weiteren Sanktionen“, sagte Harms: „Diese werden von nur noch von 39 Prozent der Befragten als wichtiger Störfaktor genannt.“ Im Vorjahr waren es noch über die Hälfte.


Starke Mehrheit für Abbau der Sanktionen

Die befragten Unternehmen wünschen sich weiterhin mit überwältigender Mehrheit (93 Prozent) die Aufhebung der Sanktionen. Dabei votieren erneut 51 Prozent für einen schrittweisen Abbau, 42 Prozent sprechen sich für die sofortige Aufhebung der Wirtschaftssanktionen aus. „Die Sanktionen bleiben eine Belastung für die bilateralen Wirtschaftsbeziehungen und tragen zu einer Abschottung Russlands und einem wachsenden Einfluss Chinas bei“, sagte Harms. „Wir hoffen daher, dass die bevorstehenden Normandie-Gespräche den Friedensprozess einen entscheidenden Schritt voranbringen. Wenn es greifbare Fortschritte gibt, sollte auch der Abbau erster gegenseitiger Sanktionen besprochen werden, um Anreize für eine weitere Entspannung zu setzen.“

Gesunken ist im Vergleich zum Vorjahr die Bedeutung der bestehenden und die Angst vor neuen US-Sanktionen. Diese landen in diesem Jahr mit 31 Prozent erst auf Rang vier der Störfaktoren im Russland-Geschäft (Vorjahr 53 Prozent). Zwei Drittel der befragten Unternehmen will ihr Russland-Geschäft trotz drohender Sanktionsmaßnahmen der USA unverändert fortsetzen, deutlich mehr als im Vorjahr (53 Prozent), 30 Prozent der Unternehmen wollen ihre Aktivitäten in Russland sogar ausbauen.

„Die US-Sanktionen haben die deutsche Wirtschaft in weniger als zwei Jahren bereits über eine Milliarde Euro gekostet. Dennoch lassen sich unsere Unternehmen nicht einschüchtern und investieren weiterhin“, so Matthias Schepp.


Kein Schwung im Exportgeschäft

Die deutschen Exporte nach Russland sind in den ersten neun Monaten 2019 um 2,5 Prozent gestiegen. Allerdings liegt das gesamte Exportvolumen immer noch weit hinter dem Rekordjahr 2012 zurück. „Unter den deutschen Exportmärkten in Mittel- und Osteuropa belegt Russland nur noch Platz vier nach Polen, Tschechien und Ungarn“, sagte Harms: „Größere Wachstumssprünge sind auch für das Jahr 2020 nicht zu erwarten. Nur 29 Prozent der befragten Unternehmen erwarten 2020 steigende Exporte nach Russland. Fast zwei Drittel rechnen dagegen mit stagnierenden Ausfuhren.“ Im Vorjahr waren dies 57 Prozent.

Zu der verhaltenen Exportentwicklung tragen außer konjunkturellen Faktoren auch Einfuhrbeschränkungen und Schutzzölle bei, von denen 17 Prozent der deutschen Unternehmen im Russland-Geschäft betroffen sind. Mehr als ein Viertel der befragten Unternehmen nennen zudem Protektionismus und die Importsubstitutionspolitik als wichtigste Störfaktoren.

„Russland ist aber trotz Sanktionsdruck nicht ins protektionistische Extrem zurückgefallen“, sagt Matthias Schepp „Dies belegt auch der Doing-Business-Index der Weltbank, in dem sich Russland in nur acht Jahren über 90 Plätze auf Rang 28 verbessern konnte. Dennoch würde es der russischen Wirtschaft gerade jetzt guttun, die Schranken zu öffnen und die Attraktivität für Investoren weiter zu erhöhen.“

Politische Beziehungen nur wenig verbessert

Die politischen Beziehungen zwischen Deutschland und Russland haben sich nach Auffassung der Unternehmen in den vergangenen zwölf Monaten nur wenig verbessert. Nach Ansicht der Hälfte der Befragten haben diese stagniert. Immerhin 39 Prozent nehmen eine Verbesserung war, etwas mehr als im Vorjahr.

Zu den Konfliktthemen im Verhältnis zu Russland gehören die Energiebeziehungen, insbesondere die Ostseepipeline Nord Stream 2, die einen Teil des Erdgastransits durch die Ukraine ersetzen soll. Hier haben die deutschen Unternehmen eine klare Meinung: 72 Prozent setzen auf beide Transitwege und plädieren dafür, dass sowohl Nord Stream 2 als auch der Transit durch die Ukraine langfristig genutzt werden. „Angesichts der rückläufigen Gasförderung in der EU und dem Ausstieg aus Kohle- und Atomkraft in Deutschland brauchen wir alle Importoptionen“, sagte OAOEV-Geschäftsführer Harms: „Jede zusätzliche Importroute sichert eine verlässliche und preisgünstige Energieversorgung für die europäische Industrie und die Verbraucher. Wir hoffen daher, dass die trilateralen Gasgespräche zwischen der EU, Russland und der Ukraine vor Jahresende zu einem neuen, langfristigen Transitvertrag führen.“

Die Eurasische Wirtschaftsunion (EAWU) ist für über die Hälfte der Befragten im täglichen Geschäft wichtig bis sehr wichtig. Über drei Viertel votieren zudem für einen gemeinsamen Wirtschaftsraum von Lissabon bis Wladiwostok, dem die EU, die EAWU und weitere Länder angehören würden. „Die neue EU-Kommission sollte schnell das Gespräch mit der Eurasischen Wirtschaftsunion (EAWU) über den Abbau von Zollschranken und die Angleichung von Normen und Standards suchen“, sagte Harms: „Dem weltweiten wirtschaftlichen Egoismus und der Dominanz Chinas und der USA muss Europa mit neuen wirtschaftlichen Integrationsprojekten begegnen. Russland ist dabei ein wichtiger Partner.“

Keine einhellige Meinung haben die befragten Unternehmen dazu, wie EU und EAWU auf das chinesische Belt & Road-Projekt („Neue Seidenstraße“) reagieren sollten – ob mit gemeinsamen Projekten mit China oder alternativen Projekten. Durch die Abkühlung des Verhältnisses zwischen Russland und dem Westen befürchten viele eine verstärkte Hinwendung Russlands zu China. Die Konkurrenz chinesischer Unternehmen auf dem russischen Markt jedenfalls hat in den vergangenen fünf Jahren nach Einschätzung von 85 Prozent der befragten Unternehmen zugenommen.

„Der Wettbewerb aus Asien ist nicht zu unterschätzen. Chinesische Exporteure und Maschinenbauer zeigen immer mehr Flagge in Russland“, so AHK-Vorstandschef Matthias Schepp. „AHK-Mitglieder hoffen deshalb auf ranghohe politische Beteiligung aus Deutschland an bedeutenden russischen Wirtschaftsgipfeln - etwa dem Internationalen Wirtschaftsforum in St. Petersburg (SPIEF) oder der Industriemesse Innoprom in Jekaterinburg“.


Branchen: Automobilindustrie als Verlierer

Die Land- und Ernährungswirtschaft werden von den deutschen Unternehmen unverändert als die wachstumsstärksten Branchen in Russland eingeschätzt (46 Prozent der Befragten). Rang zwei belegt erneut die IT/Telekommunikation (45 Prozent). Aufsteiger ist die Branche Erneuerbare Energien/Energieeffizienz (25 Prozent), die von Platz elf auf Platz fünf kletterte. Klarer Verlierer ist hingegen die Automobilindustrie, die nur noch von vier Prozent der Befragten als Wachstumsbranche genannt wird, und die dadurch auf den letzten Platz rutschte. Vor zwei Jahren hatten die russische Autoindustrie noch Platz drei belegt.

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