Aus Darmstadt nach Kirow: Deutsche Technologie in russischem Werk

Merck ist ein deutsches Forschungs- und Technologieunternehmen mit langer Tradition, Nanolek ein junger Stern am aufstrebenden russischen Pharma-Himmel. Seit 2016 produzieren sie gemeinsam in der Region Kirow Medikamente zur Behandlung von Herz-Kreislauf-Erkrankungen und von Diabetes Typ 2. Im Gespräch mit der AHK sprechen Nanolek-Präsident Wladimir Christenko und Merck-Healthcare-Chef Matthias Wernicke über deutsch-russische Erfolgsprojekte.

Aus Darmstadt nach Kirow: Deutsche Technologie in russischem Werk

Dieses Interview stammt aus unserer jährlichen Publikation „100 Fragen und Antworten zum Russlandgeschäft“. In Interviewform schildern die in Russland tätigen Unternehmen ihre je persönliche Sicht auf ihre Branche und den russischen Markt.


Das deutsche Familienunternehmen Merck produziert in der Fabrik seines russischen Partners Nanolek in der Region Kirow jährlich 30 Millionen Medikamente zur Behandlung von Herz-Kreislauf-Erkrankungen und von Diabetes Typ 2. Wieso haben Sie sich für diese Zusammenarbeit entschieden?

Wernicke: Als wir vor mehr als fünf Jahren in Russland auf der Suche nach einem Partner für die Lokalisierung unserer Medikamente waren, hat uns das junge und dynamische Team von Nanolek begeistert. Wir haben gespürt, dass Nanolek auf dem russischen Pharmamarkt etwas erreichen will und wird. Es war auch wichtig, dass wir mit unseren Kollegen aus Nanolek schnell eine Verständigung bei geschäftlichen Fragen erreichen konnten. Diese braucht es, um eine ganze Produktionslinie aufzubauen und einen Technologietransfer zu starten, der nicht nur ein langfristiger Prozess, sondern auch ein hohes Investment ist.

Christenko: Es ist immer schwer, etwas von Null aufzubauen, wie wir es bei unserer Fabrik in Kirow getan haben. Wir brauchten damals Erfahrungen und Best Practices, um qualitativ hochwertige Produktionsprozesse einzuführen. Genau das bringt das deutsche Traditionsunternehmen Merck in unsere Zusammenarbeit ein. Bei der Vertragsunterzeichnung 2015 hatten wir festgestellt, dass wir eine Partnerschaft zwischen dem ältesten und dem jüngsten Pharmaunternehmen der Welt ins Leben gerufen haben. Denn Merck blickt auf eine mehr als 350-jährige Geschichte zurück, und Nanolek war damals erst fünf Jahre alt. Wir sind stolz auf diese Partnerschaft.

Welches Potenzial bietet eine deutsch-russische Zusammenarbeit im Pharmabereich?

Wernicke: Das Potential ist riesig. Im Pharmabereich sind die deutsch-russischen Beziehungen traditionell sehr stark. Viele deutsche Arzneiprodukte werden in Russland verkauft, und russische Pharmaunternehmen produzieren in eigenen Fabriken in Deutschland. Merck ist schon seit 120 Jahren in Russland aktiv. Nicht nur Merck, auch andere deutsche Pharmaunternehmen investieren seit Jahrzehnten in den russischen Markt und versorgen russische Patienten. Auch in der Forschung gibt es immer mehr Zusammenarbeit, etwa in der Krebsforschung.

Umgekehrt beobachten wir vor allem im Pharmasektor immer mehr Protektionismus und Eigenbrötlerei – etwa bei der gegenseitigen Anerkennung von Covid-Impfstoffen.

Wernicke: Obwohl die Marktteilnehmer ihre Kräfte im Kampf gegen die Pandemie bündeln, erkennen unsere Länder ihre Impfstoffe immer noch nicht gegenseitig an. Wir kämpfen alle gegen den gleichen Virus. Die Herkunft der Impfstoffe sollte egal sein. Wichtig ist nur, dass sie funktionieren und ungefährlich sind.

Christenko: Ich stimme vollkommen zu. Wir müssen gemeinsam vorgehen. Wir sind alle abhängig voneinander. Gerade im Pharmabereich können wir nicht einfach die Grenzen schließen und sagen, dass wir ab sofort alles allein machen. Das wird nicht funktionieren. Ein Beispiel ist unsere Fabrik in Nanolek. Dort stammen die meisten Produktionsmaschinen und Laborgeräte aus Deutschland.

Doch gerade Russland setzt immer stärker auf Importsubstitution und stärkt die eigene Industrie. Werden wir in Zukunft immer weniger deutsche Technik und dafür mehr russische Technik sehen?

Wernicke: Das bessere Produkt muss gewinnen, egal ob Autos, Software oder Medizin. Auch wir verkaufen unsere Medikamente in vielen Ländern. Es wäre also seltsam anzunehmen, dass sie nicht in Russland verkauft werden sollten. Umgekehrt: Wenn – zum Beispiel -  russische Softwareprodukte oder IT-Dienstleistungen zu den besten weltweit zählen, warum sollten die Deutschen es nicht benutzen?

Wollen Sie Ihre Partnerschaft weiter ausbauen und künftig auch andere Medikamente produzieren?

Wernicke: Im Moment gibt es keinen konkreten Plan für die Produktion eines weiteren Medikaments in Russland. Aber ich kann mir vorstellen, dass Merck diese Diskussion in ein paar Jahren führen wird. Wir sind in den vergangenen Jahren in Russland gewachsen, und wir wollen auch in der Zukunft wachsen. Wie ich schon sagte, ist der Technologietransfer ein langer Prozess. Vieles hängt von den Produktionskapazitäten ab.

Welche Expansionspläne verfolgt Nanolek – unabhängig von der Partnerschaft mit Merck?

Christenko: Wir investieren vor allem in Biotechnologie. Darin sehen wir die Zukunft unseres Portfolios. In unserem neuen Forschungs- und Entwicklungszentrum (R&D) in der Wissenschaftsstadt Puschtschino in der Nähe von Moskau arbeiten wir an fünf neuen Molekülen, unter anderem auch für den ersten russischen Gürtelrose-Impfstoff. Zum einen wollen wir Medikamente mit monoklonalen Antikörpern herstellen, die bei der Behandlung von Autoimmun- und Krebserkrankungen zum Einsatz kommen. So haben wir in Russland eine Zulassung für einen Anti-Krebs-Wirkstoff beantragt. Zum anderen wollen wir rekombinante Impfstoffe produzieren. Im Herbst haben wir die erste Phase der klinischen Studien für einen Impfstoff gegen die Geschlechtskrankheit humane Papillomviren (HPV) abgeschlossen. Es handelt sich um das erste russische HPV-Vakzin. Der Impfstoff hat in den Studien ein höheres Sicherheitsprofil als ein US- Vergleichspräparat aufgewiesen.

Gemeinsam mit dem renommierten Moskauer Tschumakow-Forschungszentrum für immunobiologische Präparate haben wir vor zwei Jahren ein Joint-Venture gegründet, um einen Impfstoff gegen Kinderlähmung herzustellen. Dank dieser Partnerschaft konnten wir im Nanolek-Werk in Kirow schnell die Produktion des ebenfalls vom Tschumakow-Zentrum entwickelten Corona-Impfstoffes organisieren. Die Produktion startete im Dezember 2021.

Hat Merck jemals erwogen, eine eigene Produktion in Russland aufzubauen, anstatt mit einem lokalen Partner zusammenzuarbeiten?

Wernicke: Wir halten es aus verschiedenen Gründen für die strategisch richtige Entscheidung, mit einem lokalen Partner zusammenzuarbeiten. Zum einen, weil Russlands Politik auf eine starke lokale Produktionsbasis setzt. Zum anderen muss sich das Investment auch rentieren. Bei einem eigenen Werk hätten wir deutlich höhere Kosten.

Die gemeinsame Produktion von Merck und Nanolek war russlandweit eine der ersten, die im Jahr 2020 erfolgreich die verpflichtende digitale Warenmarkierung von Pharmaprodukten eingeführt hat. Die Warenmarkierung soll Fälschungen verhindern und die Logistik verbessern. Wie ist Ihnen das gelungen – und welche Herausforderungen gab es?

Christenko: Das war eine Mammutaufgabe. Wir waren russlandweit einer der Pioniere bei der Einführung der Warenmarkierung im großen Maßstab. Um 30 Millionen Packungen pro Jahr herzustellen, muss die Produktion wirklich schnell sein. Deshalb war es eine der größten Herausforderungen, die Produktionsgeschwindigkeit zu verringern und ein völlig neues IT-System zu integrieren.

Wernicke: Die russischen Barcodes enthalten mehr Informationen als die europäischen und sind deshalb schwieriger zu lesen. Im Produktionsprozess müssen sie gleich nach der Etikettierung schnell ausgelesen werden. Ein großer Vorteil war, dass wir Erfahrungen aus dem europäischen Kennzeichnungssystem mitgebracht haben.

Russlands Pharmabranche braucht Innovationen, um international erfolgreich zu sein. Doch um große Innovationen zu finanzieren, müssen russische Medizinhersteller mehr ins Ausland exportieren. Nanolek selbst produziert derzeit nur für den russischen Markt. Wie sehen Ihre Exportpläne aus?

Christenko: Der russische Markt ist groß, macht aber nur zwei Prozent des Weltmarkts aus. Wer innovativ sein will, muss weltweit verkaufen. Unser Ziel ist es, ein Produkt zu entwickeln, das wir exportieren können. Im Jahr 2024 wollen wir in Russland einen HPV-Impfstoff auf den Markt bringen. Schon jetzt haben wir eine Anfrage vom Kinderhilfswerk Unicef, um 2027 an einer Ausschreibung zur weltweiten Lieferung teilzunehmen. Natürlich müssen die Impfstoffe preisgünstig sein. Es geht um riesige Mengen, wir würden Zugang zu vielen Ländern rund um den Globus erhalten.

Sie erwähnten IT-Produkte als Beispiele für russische Innovationskraft. Gibt es auch im Pharmasektor Bereiche, in denen Russland auf Augenhöhe mit den Weltproduzenten ist?

Christenko: In Russland werden die Basisprozesse jetzt neu aufgestellt. Zu Sowjetzeiten war die russische Pharmaschule recht stark, besonders was Entwicklung und Herstellung von Substanzen für Impfstoffe angeht. Aber fertige Arzneimittel wurden vor allem in Polen, Rumänien, Tschechien und in der DDR produziert. Deshalb haben wir nach dem Zusammenbruch der UdSSR alle Fertigungsprozesse verloren. Es hat eine gewisse Zeit gedauert, um das System wieder aufzubauen. Aber heute gibt es Unternehmen, die eine Vollzyklusproduktion wirklich auf Weltklasseniveau aufgebaut haben.

Wernicke: In Russland gibt es aufstrebende Unternehmen mit ehrgeizigen Zukunftsplänen, aber sie brauchen Zeit, um global zu werden. Das russische Gesundheitssystem war in den vergangenen 20 Jahren in einer schwierigen Situation und gewinnt jetzt wieder an Boden. Die Geographie der Marktführer erweitert sich, heutzutage liegt der Fokus nicht nur auf europäischen Herstellern.

Christenko: Ein Problem sind auch die vielen Zulassungsverfahren. Wie viele Pharmaprodukte aus Russland wurden in den vergangenen zehn Jahren in Europa zugelassen? Ich glaube, man kann sie an einer Hand abzählen. Es fehlt uns sehr an Erfahrung, um Produkte auf dem europäischen Markt zu registrieren.

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