Continental Kaluga: Pandemie treibt die Digitalisierung voran

Interview mit CEO von Continental Kaluga Anatoli Antipow

Continental Kaluga: Pandemie treibt die Digitalisierung voran

Herr Antipow, Sie sind 2012 bei Continental Kaluga als Manager eingestiegen und haben sich seitdem zum CEO hochgearbeitet. 

 Winston Churchill wird der Satz zugeschrieben: „Niemals, niemals, niemals aufgeben!“ Als junger Mann hatte Churchill beim Baden in einem Fluss seine Uhr verloren, die ihm sein Vater geschenkt hatte. Auf der Suche nach der Uhr tauchte er stundenlang ins Wasser und baute sogar einen Damm, um den Grund trockenzulegen, bis er sie endlich finden konnte. Ich denke, dass mir meine Beharrlichkeit bei schwierigen Aufgaben hilft, die gesetzten Ziele zu erreichen. Ich kommuniziere gern mit Menschen, um zu verstehen, wie sie denken und was sie bewegt. Ich denke, Zuhören können ist eine Fähigkeit, die ständig weiterentwickelt werden muss. Denn sie hilft, Details besser zu verstehen und Vertrauen aufzubauen.

Was verbindet Sie mit Deutschland?

Zu Beginn meiner Karriere hatte ich das Glück, für einen deutschen Chef zu arbeiten, der mich als Person und meinen Werdegang beeinflusste. Seine Mentalität war meiner sehr nahe: praktisches Denken in Verbindung mit Komfort, sorgsamer Umgang mit Vermögen und Menschen, ein hohes Maß an Organisation im Leben und im Geschäft. Für deutsche Unternehmen ist sowohl das Geschäft als auch der Mensch wichtig, ich schätze diese Ausgewogenheit.

Das Gleiche erlebte ich bei Continental. Als ich hier anfing, spürte ich den Geist von Respekt und Zusammenarbeit und mir wurde klar, dass ich hier für lange bleiben werde. Es war für mich eine angenehme Überraschung, zu erfahren, dass das Russland-Geschäft von Continental auf eine mehr als hundertjährige Tradition zurückblickt. Das Unternehmen hatte bereits 1903 in Sankt Petersburg seine erste Repräsentanz eröffnet, 1917 waren es schon mehr als zehn. Selbst der Mercedes-Knight von Zar Nikolaus II. war mit Continental-Reifen ausgestattet. Dieses solide Fundament verlangt natürlich eine große Verantwortung und erfüllt mit Stolz.

Das Continental-Werk Kaluga gehört zu den 100 Industriebetrieben Russlands mit der höchsten Arbeitsproduktivität. Was steckt hinter dieser hohen Bewertung?

 Gegenwärtig rücken Flexibilität und Schnelligkeit in den Vordergrund ebenso wie die Fähigkeit, den Kunden schnell eine breite Produktpalette anzubieten. Um sich schnell umstellen zu können, benötigt man eine solide Basis: stabile Produktionsprozesse, hohe Qualitätsstandards und qualifizierte Mitarbeiter. All das haben wir. Auch schlankes Produzieren und ein verantwortungsvoller Umgang mit Umwelt und Mensch sind wichtig. Mittlerweile werden mehr als 90 Prozent unserer Betriebsabfälle recycelt. Außerdem haben wir in dem von uns mitgegründeten Verband EcoTyresUnion viel erreicht. Diese nichtkommerzielle Organisation war 2017 von Reifenherstellern mit dem Ziel ins Leben gerufen worden, die Vorschriften zur Entsorgung von Altreifen im Rahmen einer erweiterten Herstellerverantwortung (Extended Producer Responsibility, EPR) zu erfüllen. In den vergangenen drei Jahren konnten mehr als 170.000 Tonnen Altreifen als Sekundärrohstoffe in den Wirtschaftskreislauf zurückgeführt werden.

Jedes dritte Fahrzeug in Europa wird ab Werk mit Reifen von Continental ausgeliefert. Wie sieht es in Russland damit aus?

In Russland liefern wir für große Autobauer. Fast alle in Russland lokalisierten Montagewerke sind unsere Kunden. Wir produzieren nicht nur für lokale Kunden, sondern auch für den Export. Reifen aus dem Werk Kaluga sind gefragt dank ihrer hohen Qualität, die mit internationalen Zertifikaten belegt ist. Das Werk Kaluga erhielt nach mehreren Prüfungen die höchste Bewertung „A“ von Volkswagen. Vor kurzem wurde auch unser integriertes Managementsystem der DQS GmbH geprüft. Die Prüfer bestätigten, dass unsere Produktion der internationalen Norm IATF 16949: 2016 entspricht.

Wie beurteilen Sie die Entwicklung des Reifengeschäfts in Russland? 

Der Wettbewerb auf dem russischen Reifenmarkt ist besonders hart in Europa. Ein bedeutender Marktanteil entfällt auf die heimischen Hersteller. Auch führende globale Akteure 

haben hierzulande ihre Produktionen lokalisiert. Das spricht dafür, dass die Reifenhersteller Russland einen hohen Stellenwert in ihrer Entwicklungsstrategien beimessen. Wir haben ein hohes Exportpotential. In den letzten Jahren sind die Exporte stark angestiegen. Insbesondere die Rubel-Abwertung begünstigte die Exporte und half den Unternehmen, ihre Produktionen aufrechtzuerhalten.

Wie gestalten Sie Ihren Betrieb in der Pandemie? 

Die Menschen sind gestresst, weil sie Arbeit und Privates nicht trennen können. Die Mitarbeiter verlieren den Kontakt zueinander, fühlen sich weniger kontrolliert, Deadlines werden verschoben. Zugleich gibt es Menschen, die effektiv im Homeoffice arbeiten. Wir müssen jedoch damit rechnen, dass es nach der Pandemie schwer sein wird, Mitarbeiter wieder ins Büro zu holen. Das ist eine Herausforderung, denn in einem modernen Unternehmen kommt es auf schnelle Entscheidungen an. Wir haben hier zwei Wege: Entweder den Mitarbeitern im Homeoffice bei der Anpassung helfen oder alle wieder ins Büro bringen, wenn dies geschäftlich sinnvoll ist. Die Pandemie treibt unsere Entwicklung voran, viele Prozesse müssen schnell angepasst werden. Manager haben jetzt eine größere Verantwortung: Sie müssen ein offenes Ohr für die Mitarbeiter haben, Konflikte schlichten und lernen, ihr Team auf Distanz zu führen.

Mussten Ihre Pläne korrigiert werden?

Wir behalten die Situation im Auge und warten auf Signale der Markterholung. Wir sehen Chancen, unsere Rentabilität zu erhöhen. Jetzt liegt der Schwerpunkt auf der Belieferung der russischen Autobauer und auf dem Export. In Europa ist das Geschäft mit Billigautos margenschwach. Wir dagegen profitieren auch im Economy-Segment – dank hoher Produktionseffizienz und Qualität, relativ niedrigen Kosten und staatlichen Subventionen. Die Pandemie hat die Digitalisierung unserer Geschäftsprozesse vorangetrieben. Wir ersetzten alle Desktop-Computer durch Laptops, fingen mit der Entwicklung von Apps an, damit das Produktionspersonal auch ohne E-Mail rund um die Uhr und sieben Tage die Woche Zugriff auf die nötigen Informationen hat. Datenaustausch mit Kontrahenten erfolgt jetzt elektronisch. Die Krise animierte uns dazu, unsere Geschäftsmodelle zu optimieren, nach Möglichkeiten für eine Kostensenkung zu suchen und neue Bereiche mit Schwerpunkt auf Nachhaltigkeit zu erschließen.

Erzählen Sie bitte über Ihre neuen Produkte. Worauf sind Sie besonders stolz?

In diesem Jahr wurde das Portfolio unseres Werks auf sieben Marken erweitert: Zu Continental, Gislaved und Matador stießen Uniroyal, Semperit, General Tire und Barum. 

Wir sind jetzt in der Lage, kleinere Lieferaufträge zu erfüllen, unglaublich schnell neue Modelle zu industrialisieren und parallel dazu wirtschaftlich komplexe Systeme in die Produktion einzuführen. Reifen aus dem Werk Kaluga werden in 24 Länder exportiert. Wir erweitern die Geografie der Lieferungen und haben in diesem Jahr erstmals in die USA und nach Japan geliefert.

Was unsere Produktpalette anbetrifft, so möchte ich insbesondere auf zwei interessante Reifen aufmerksam machen: EcoContact 6 für den Sommer und IceContact 3 für den Winter. EcoContact 6 ist ein verschleißfester Sommerreifen mit der innovativen Gummimischung Green Chili™ 2.0 und einem geringen Rollwiderstand, der den Kraftstoff spart. Der mit verschiedenförmigen Aluminiumspikes bestückte Winterreifen IceContact 3 wurde speziell für Russland und skandinavische Länder entwickelt. Das Modell wird nur in Kaluga und in Korbach (Hessen) produziert. 

Wo werden Fachkräfte für das Werk Kaluga ausgebildet? 

Lokale und internationale Programme unseres Unternehmens und ein Wissensaustausch innerhalb des Konzerns sind bei der Ausbildung der Fachkräfte eine Hilfe. Natürlich hat die Pandemie unsere gewohnten Formate überschattet. Schon zu Beginn des Lockdowns in Russland wurden wir damit konfrontiert, dass die Besuche von Experten aus dem Hauptbüro, die unsere neuen Projekte hätten technisch unterstützen sollen, abgesagt wurden. Damals nutzten wir erstmals moderne Apps und Geräte, um die gesamten Arbeiten auf Distanz zu erledigen. Es sah aus wie in einem Science-Fiction-Film: Mit einer Spezialbrille und einem Spezialprogramm setzte sich ein Ingenieur in Kaluga mit einem mehrere tausende Kilometer entfernten Spezialisten in Verbindung. Dieser konnte alles sehen, was auch der Ingenieur in Kaluga sah, und half, die richtigen Schritte in der richtigen Reihenfolge auszuführen. Außerdem bauten wir ein internes System von Online-Schulungen auf, in denen erfahrene Spezialisten ihr Wissen mit Kollegen teilen.

Sie haben über viele positive Dinge berichtet, aber es gibt sicherlich auch Probleme. Was sind aktuell die größten Störfaktoren für Continental im Russland-Geschäft? 

Die Situation auf dem Reifenmarkt war auch vor der Pandemie kompliziert. Der wirtschaftliche Abschwung, der Absatz- und Nachfragerückgang auf dem Automobilmarkt wirkten sich negativ aus. Der warme Winter 2019/2020 ließ die Verkaufszahlen von

Winterreifen einbrechen. Die Corona-Pandemie hat die Probleme noch verschlimmert. Die ersten Anti-Corona-Maßnahmen wurden in der Zeit des Reifenwechsels im Frühjahr verhängt. In vielen Regionen wurden die Händler und Werkstätten geschlossen. Hinzu kam die Instabilität des Rubel-Kurses und des Rohstoffmarktes. Das ist für uns umso wichtiger, da wir Naturkautschuk gegen Devisen importieren. Auch in puncto Warenkennzeichnung gab es Probleme: Viele Händler konnten diesen Prozess nicht schnell genug in den Griff bekommen. Laut Experten dürfte der Reifenmarkt 2020 um ein Viertel einbrechen.

Was würden Sie den deutschen Investoren empfehlen, die ein Engagement in Russland erwägen? 

Hierzulande gibt es gute Logistikzentren und die notwenigen Infrastrukturen. Investoren werden sowohl auf der Ebene der zentralen Regierung als auch auf regionaler Ebene unterstützt. Das Russische Exportzentrum zum Beispiel berät und unterstützt Exporteure. 

In Kaluga versorgt uns die Agentur für regionale Entwicklung des Gebiets Kaluga mit wertvollen Informationen, während die regionale Entwicklungsgesellschaft bei Infrastrukturproblemen hilft. Auch die Regierung der Region ist immer offen für den Dialog und unterstützt die Wirtschaft.

Wie Nikolai Setzer, Vorstandsvorsitzender von Continental, es treffend auf den Punkt brachte, zeichnet sich das russische Team durch eine seltene Kombination aus Einfallsreichtum und Disziplin aus. Gerade diese Eigenschaften ermöglichen es uns, in dem sich ständig ändernden wirtschaftlichen Umfeld schnell Lösungen zu finden.

Continental entwickelt wegweisende Technologien und Dienste für die nachhaltige und vernetzte Mobilität der Menschen und ihrer Güter. Das 1871 gegründete Technologieunternehmen bietet sichere, effiziente, intelligente und erschwingliche Lösungen für Fahrzeuge, Maschinen, Verkehr und Transport. 2019 erzielte Continental einen Umsatz von 44,5 Milliarden Euro und beschäftigt aktuell rund 233.000 Mitarbeiter in 59 Ländern und Märkten.

Das Geschäftsfeld Reifen verfügt über 24 Produktions- und Entwicklungsstandorte. Continental ist einer der führenden Reifenhersteller und erzielte im Geschäftsjahr 2019 in diesem Geschäftsfeld mit über 56.000 Mitarbeitern einen Umsatz in Höhe von 11,7 Milliarden Euro. Im Geschäftsfeld Reifen bietet Continental eine breite Produktpalette für Personenkraftwagen, Nutz- und Spezialfahrzeuge sowie Zweiräder an. Durch kontinuierliche Investitionen in Forschung und Entwicklung leistet Continental einen wichtigen Beitrag zu sicherer, wirtschaftlicher und ökologisch effizienter Mobilität. Das Portfolio des Geschäftsfeldes Reifen umfasst Reifen für schwere Technik sowie digitale Managementsysteme für Reifen.

Presse-Kontakt:
Anna Dundukina
OOO Continental Kaluga
Koslowo, Industriepark Rosva
248903 Kaluga, Russian Federation
Tel:     +7 4842 411 600 (ext.1112) 
Mobil:    +7 965 707 1112
Email:  anna.dundukina@conti.de
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