EnviroChemie

Eine Frau für schwieriges Wasser

Wie Russland zum Ausgangspunkt einer weltweiten Erfolgsgeschichte wurde

Es ist egal, ob am Ende ein Stück Käse herauskommt oder eine Flasche Bier, ein Auto oder ein Haufen Steinkohle. Wo etwas hergestellt oder abgebaut wird, bleibt Abfall übrig – und schmutziges Wasser. Genau hier beginnt das Geschäft von EnviroChemie.

Mit weltweit 470 Mitarbeitern entwickelt das Unternehmen aus Roßdorf bei Darmstadt Anlagen zur Reinigung von Industrieabwasser. In Russland hat es seit Beginn des Jahrtausends bereits mehr als 130 Projekte umgesetzt.

An Land gezogen hat sie eine Frau, die vor Ideen, Energie und Einsatzbereitschaft sprüht. Marina Tchebotaeva ist Generaldirektorin der 2002 gegründeten russischen Tochtergesellschaft.

Wie viel Potenzial der russische Markt für Wasserreinigungsanlagen bot, erkannte Tchebotaeva schon, als sie Ende der Neunzigerjahre bei EnviroChemie noch Praktikantin war.

Vorher hatte sie Biologie studiert und mehr als zehn Jahre als Umweltbeauftragte in einer Rüstungsfabrik im Ural gearbeitet. Ein Brief, den sie dem damaligen Geschäftsführer von EnviroChemie zum Abschied aus Deutschland schrieb, wurde zum Grundstein einer außergewöhnlichen Karriere. In Russland gebe es mehr als fünfhundert Molkereien ohne Wasserreinigungsanlagen, rechnete Tchebotaeva vor. Wenn man nur eine pro Jahr baue, sei das schon genug Arbeit für den Anfang.

Fortan setzte die Firma auf Russland – und auf Tchebotaeva. Das war bemerkenswert, denn deutsche Unternehmen schickten damals fast ausschließlich Männer nach Russland. Und auch heute ist Tchebotaeva eine von ganz wenigen Frauen, die Tochtergesellschaften deutscher Unternehmen vorstehen. Bei einheimischen Firmen sieht es dagegen anders aus. Für Russen sind Frauen an der Spitze nichts Besonderes. Vor allem in kleinen und mittelgroßen Betrieben gibt es hier deutlich mehr Chefinnen als in westlichen Ländern.

Angefangen hat Tchebotaeva ganz allein, heute hat sie etwa dreißig Mitarbeiter. Sie sitzen in einem Business-Zentrum am Rande von Jekaterinburg. Für die Millionen­stadt am Ural hat die Generaldirektorin sich entschieden, weil die Mieten und Personalkosten hier günstig und die Ingenieure gut ausgebildet sind.

Nicht Molkereien wie vermutet, sondern Brauereien kurbelten anfangs das Geschäft an. Viele Konzerne bauten in Russland Brauanlagen oder erweiterten bestehende und brauchten bessere oder größere Wasserreinigungsanlagen. Denn pro Liter Bier bleiben bis zu sechs Liter verschmutztes Wasser zurück. Das erfordert komplexe Technologien, die EnviroChemie liefern konnte.  Nach und nach stattete das Unternehmen alle großen Bierkonzerne im Land aus und schaffte so den Durchbruch in der Branche. Auch weltweit gewann EnviroChemie nun Brauereien als Kunden. 

Russland war zum Ausgangspunkt einer großen Expansion geworden.

Die Anlagen sind „Made in Germany“, werden aber für den russischen Markt modifiziert. Denn die Umweltgesetze sind strenger als in Deutschland, die Grenzwerte für Abwasser zehn bis hundertmal schärfer.

Neu ist, dass die Behörden seit einigen Jahren tatsächlich kontrollieren, ob Betriebe die Grenzwerte einhalten. Verstöße werden hart bestraft. Längst geht man in Russland mit der Natur nicht mehr so achtlos um wie zu Sowjetzeiten und 2017 wurde sogar zum „Jahr der Umwelt“ ausgerufen.

Deutsche Technologie auf russische Regeln abzustimmen und ein bis zwei zusätzliche Reinigungsstufen einbauen, erfordert eine enge deutsch-russische ­Zusammenarbeit. Das Team in Jekaterinburg untersucht Proben im eigenen Labor und befragt seine Kunden, bevor es die Daten nach Deutschland schickt. 

Wie kompliziert die Recherche sein kann, erklärt Tchebotaeva an einem blutigen Beispiel.

Wenn in einem Betrieb Hühner, Schweine, Rinder und Lämmer geschlachtet werden, sei es sehr schwierig vorauszusagen, welche Stoffe sich in welchen Mengen im Wasser wiederfinden. Auch die Größe jeder Abwasserbehandlungsanlage muss individuell abgestimmt werden, die Skala reicht von einem bis zu 3500 Kubikmeter Wasser pro Stunde, mehr als in drei Schwimmbecken passt. In Roßdorf planen und bauen die Ingenieure dann auf der Basis der ermittelten Daten die maßgeschneiderten Wasserbehandlungsanlagen.

Zu den Kunden zählen inzwischen Molkereien und Autobauer, aber auch SUEK, der größte Lieferant für Steinkohle in Russland. „Steinkohlestaub, dazu ein bisschen Erdöl“, beschreibt Tchebotaeva die Herausforderung, die Kohleminen an die Ingenieure von EnviroChemie stellen.

Außerdem sei das Kusnezker Becken eine alte Abbauregion, manche Standorte werden mittel- bis langfristig geschlossen. Daher liefern Tchebotaeva Mitarbeiter die Anlagen als Module, die an einem Ort genutzt und nach ein paar Jahren woanders neu aufgebaut werden können.

Stets neue Bereiche, neue „schwierige Wasser“ zu entdecken, wie sie es nennt, ist Tchebotaevas Ziel. Zwar gibt es dabei immer mehr einheimische Konkurrenten, Grund zur Sorge sei das aber nicht. Russland ist schier unendlich groß, es biete genug Raum für Unternehmen, zu bauen und zu produzieren, sagt sie und fügt hinzu: „Überall, wo produziert wird, fließt auch schmutziges Wasser.“

Fotos: Evgeny Kondakov, EnviroChemie

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