„Durch die vollständige Abdeckung der Wertschöpfungskette können wir immer höchste Qualität garantieren“

Der Agrarboom ist größtenteils mit Russlands Einfuhrsperre für EU-Lebensmittel zu erklären. Dadurch haben sich den russischen Landwirten einige profitable Möglichkeiten geboten. Wie schaut es beim größten Rohmilcherzeuger Russlands EkoNiva aus, und wie soll es für das deutsch-russische Unternehmen weitergehen?

„Durch die vollständige Abdeckung der Wertschöpfungskette können wir immer höchste Qualität garantieren“

Ein Interview mit Stefan Dürr, Vorstandsvorsitzender der Ekosem-Agrar AG und Präsident der Unternehmensgruppe EkoNiva, erschienen in Impuls-Ausgabe 3/2019. 

Wie bewerten Sie die Entwicklung des russischen Agrarsektors in den letzten zehn Jahren? 

Im Bereich Schweine, Geflügel, Getreide und Gemüse konnte Russland durch die staatliche Förderpolitik in dieser Zeit zum Selbstversorger werden. Jetzt wird es in diesen Bereichen auch in den Export gehen, bei Weizen ist Russland schon der größte Exporteur weltweit. Bei der Milch haben wir eine andere Ausgangslage, weil in ähnlichem Maße wie neue, moderne Produktionskapazitäten hinzukommen, veraltete Haltungsformen verschwinden. Insgesamt ist die russische Landwirtschaft geprägt durch bislang noch relativ preiswerte Flächen, günstige Arbeitskräfte, eine sehr gute Agrarstruktur mit modernen Agrarbetrieben und einen modernen vor- und nachgelagerten Bereich. Das Fachwissen wächst extrem schnell, es herrscht weithin noch eine hohe gesellschaftliche Akzeptanz und wir profitieren von einer Politik, die leistungsfähige moderne Betriebe unterstützt. 

Der Agrarboom ist größtenteils dem russischen Lebensmittelembargo zu verdanken, welches 2014 eingeführt wurde. Erinnern Sie sich an Ihre erste Reaktion auf die Einführung? 

Ich hatte nicht gedacht, dass das Embargo so schnell eingeführt wird. Dass es so kommen kann, war für mich logisch. Es war wichtig, aufzuzeigen, dass die Sanktionen keine Einbahnstraße sind. Mit der Einführung russischer Gegensanktionen als Antwort auf die westlichen Sanktionen hat unser Verarbeitungssektor wirklich gute Chancen bekommen, sich zu entwickeln. Die russischen Verarbeiter hatten nun die Möglichkeit, ohne die europäische Konkurrenz – vor allem beim Käse – in die Supermärkte zu kommen und dadurch ihre Produkte dem Verbraucher bekannt zu machen und auch die Qualität nach und nach zu verbessern. 

Also hieß es für Sie weiter Business as usual, ohne jegliche Einschränkung durch das Embargo? 

Für EkoNiva hat das Lebensmittelembargo keine direkten Auswirkungen gehabt, da wir damals praktisch ausschließlich Rohmilch produziert haben. Rohmilchsubstitute wie Milchpulver und Butter konnten weiterhin aus nicht gesperrten Ländern nach Russland gelangen, wie Neuseeland und vor allem Weißrussland. 

Die russischen Verarbeiter haben im Vergleich zu vor fünf Jahren bei der Qualität ihrer Erzeugnisse sicher enorm aufgeholt. Von daher denke ich, dass im Bereich der mittleren Qualität die Marktanteile nur sehr schwer zurückerobert werden können. Im Premiumbereich mag das anders sein.

Seit ein paar Jahren fällt immer wieder das Stichwort Importsubstitution. Inwieweit halten Sie diese Strategie für sinnvoll? 

Es ist sicherlich sinnvoll, dass Russland seine Vorteile in der Landwirtschaft, die es aufgrund seiner guten Rahmenbedingungen hat, nutzt. Die mit dem Thema Importsubstitution verbundene staatliche Förderung der oben erwähnten Bereiche hat gute Ergebnisse gebracht und eröffnet nun auch Chancen für den Export, obwohl die Förderung bei den nicht mehr defizitären Branchen wie der Schweine- und Geflügelproduktion bereits eingestellt wurde. Was andere Wirtschaftsgüter anbelangt, kommt es darauf an, ob Russland mit vernünftigem Aufwand mittelfristig eigene Kompetenzen aufbauen kann, die wirtschaftlich tragfähig sind. Dass dies gelingen kann, sieht man z.B. an den Mähdreschern aus russischer Produktion, die in Bezug auf das Preis-Leistungs-Verhältnis im Vergleich zu westlichen Anbietern eine gute Alternative darstellen. 

Mit welchen Maßnahmen könnte Russland die Modernisierung seiner Landwirtschaft (noch) schneller voranbringen? 

Die Landwirtschaft ist generell sehr kapitalintensiv. Da sind die hohen Fremdkapitalzinsen in Russland ein gewisses Hemmnis für Investitionen. Von daher sind staatliche Unterstützungsmaßnahmen in diesem Punkt ein wichtiges Werkzeug zur Beschleunigung der Modernisierung. Ein anderer aus unserer Sicht sehr wichtiger Aspekt ist der weitere Aufbau von lokalem Know-how und Kompetenzen. Hier halte ich auch die Kommunikation über Ländergrenzen hinaus für extrem wichtig, um Wissen und Erfahrungen auszutauschen. Wir arbeiten im Bereich der Saatgutproduktion und -züchtung z.B. seit vielen Jahren mit einem deutschen Züchter zusammen. Was es in Russland nicht gibt, ist ein fest installiertes, duales Ausbildungssystem, wie es etwa in Deutschland existiert. Um die fachliche Kompetenz innerhalb unseres Unternehmens kontinuierlich auszubauen, haben wir bei EkoNiva deshalb unser eigenes Ausbildungssystem aufgebaut, dass aus theoretischen und praktischen Lernphasen besteht. Wenn dieser Ansatz auf breiterer Ebene in Russland verfolgt würde, könnte das für die Modernisierung sicherlich ebenfalls förderlich sein. 

Wie ist Ihr Unternehmen derzeit in Russland aufgestellt? 

Seit Gründung der EkoNiva Gruppe 1994, also vor mittlerweile 25 Jahren, haben wir uns zum größten Rohmilchproduzenten der Russischen Föderation und Europas entwickelt. 1998 sind wir zunächst in den Handel mit Landmaschinen aus Europa eingestiegen. 2002 haben wir dann den ersten russischen Agrarbetrieb gekauft und sind damit aktiv in die Landwirtschaft eingestiegen. 2006 bauten wir unsere erste moderne Milchviehanlage. In den folgenden Jahren sind wir dann schrittweise gewachsen, sowohl was unsere Herde als auch unsere landwirtschaftliche Nutzfläche angeht. Heute umfasst unser Geschäft sechs Bereiche: Außer in der Milchviehhaltung, der Milchverarbeitung und dem Ackerbau sind wir mit unseren knapp 13.000 Mitarbeitern auch in der Saatgutproduktion und -züchtung, in der Mutterkuhhaltung und der ökologischen Landwirtschaft aktiv. Wir haben Standorte in mittlerweile neun Regionen Russlands und bewirtschaften eine landwirtschaftliche Fläche von über 550.000 Hektar. Unsere Rinderherde umfasst rund 160.000 Tiere, davon etwa die Hälfte Milchkühe, die in diesem Jahr voraussichtlich bis zu 800.000 Tonnen Rohmilch geben werden. 

DER MELKMEISTER RUSSLANDS DER MELKMEISTER RUSSLANDS

Wie geht die Geschichte von EkoNiva weiter? 

Wie bereits erwähnt, bietet die russische Landwirtschaft ein erhebliches Potential. Im Bereich der Milch werden weiterhin über sechs Millionen Tonnen Rohmilchäquivalent pro Jahr importiert, da ein strukturelles Defizit an lokal produzierter Rohmilch herrscht. Daher werden wir die staatlichen Fördermaßnahmen nutzen, um unsere Rohmilchproduktion weiter auszubauen. Alleine dieses Jahr bauen wir 15 neue Milchviehanlagen für ca. 50.000 Milchkühe. Seit Anfang 2012 haben wir die Zahl unserer Milchkühe bereits mehr als versechsfacht – auf 80.000 Tiere. 

Auch in der Milchverarbeitung wollen Sie wachsen? 

Wir sind jetzt aktiv dabei, diesen Bereich auszubauen. Ende 2018 haben wir dazu unsere Dachmarke „EkoNiva“ eingeführt. Diese ist bereits in über 900 Verkaufsstellen im Großraum Moskau, in Kaluga, Woronesch und Lipezk erhältlich und wird von den Kunden sehr gut angenommen. Aktuell bauen wir in Nowosibirsk außerdem eine große Verarbeitung für 1.150 Tonnen Rohmilch täglich. Weitere Projekte in der Verarbeitung werden folgen, sodass wir mittelfristig fast alle wichtigen Regionen Russlands mit unseren Produkten versorgen können. Dann wären wir Russlands erster vollintegrierter Milchproduzent mit landesweiter Abdeckung. 

Wie sieht es mit der Konkurrenz aus? 

Da in Russland nach wie vor ein Defizit an lokal produzierter Rohmilch besteht, gibt es für uns in der Rohmilchproduktion in diesem Sinne keine Konkurrenten. Wir denken, dass wir sehr gut und effizient produzieren und freuen uns über jeden ehrlichen Wettbewerber. In der Milchverarbeitung ist die Situation eine andere. In diesem für uns relativ neuen Produktionsbereich müssen wir noch einiges lernen. Wir sind aber zuversichtlich, dass wir die Kunden mit unserer noch relativ jungen Marke „EkoNiva“ von unseren Produkten überzeugen können. 

Und wie? Was sind Ihre stärksten Argumente? 

Unser Alleinstellungsmerkmal ist dabei die vollständige Abdeckung der Wertschöpfungskette: vom Futter für die Kühe bis zur Verarbeitung unserer wertvollen Rohmilch zu besten Milchprodukten. Damit können wir immer höchste Qualität garantieren. Womit wir preislich allerdings nicht konkurrieren können, sind solche Hersteller, die das Milchfett in ihren Produkten durch billiges Palmöl ersetzen, ohne dies auf der Verpackung für den Verbraucher kenntlich zu machen. Diese verbotene Praktik nimmt unserer Einschätzung nach zum Glück aber wieder stark ab. 

Aktuell baut EkoNiva in Nowosibirsk eine große Verarbeitung für 1.150 Tonnen Rohmilch täglich

Ist in Ihrem Unternehmen das Problem Fachkräftemangel bekannt? Wie lösen Sie das? 

Gut qualifizierte Fachkräfte zu finden, ist sicherlich eine Herausforderung. Vor allem wenn ein Unternehmen in kurzer Zeit sehr stark wächst, so wie wir. Das ist auch der Grund, wieso wir unsere eigenen Mitarbeiter aus- und weiterbilden. Wir kooperieren beispielsweise landesweit mit russischen Hochschulen und bieten Studenten über unsere Stipendien- und Praktikantenprogramme vielfältige Möglichkeiten, erste Erfahrungen in unseren landwirtschaftlichen Betrieben zu sammeln. Allein 2018 haben mehr als 1.000 Studenten ein Praktikum bei uns absolviert. Mittlerweile bieten wir in drei Schulen im Gebiet Woronesch sogar schon Schülern die Chance, sich über Seminare und Praxiseinheiten auf die Aufnahme an Agraruniversitäten vorzubereiten – das fördert das Image des Berufsfelds der Landwirtschaft enorm. 

Was wäre Ihr Rezept für die russische Wirtschaft? 

Russland handelt schon richtig, in dem es sich auf das konzentriert, was es gut kann, wie etwa auf die Landwirtschaft. In direkter Nachbarschaft befindet sich der asiatische Markt, mit einem unglaublichen Potenzial und nur begrenzten eigenen Möglichkeiten für die Landwirtschaft. Hier hat die russische Wirtschaft sicher noch lange ein großes Wachstumspotential. Durch eine weitere Diversifikation der Wirtschaft könnte Russland etwas unabhängiger von den natürlichen Rohstoffen werden. 

Ist Lokalisierung aus Ihrer Sicht ein ratsamer Weg? 

In Branchen, in denen Russland versucht, ernsthaft eigene Produktionskapazitäten aufzubauen und zu etablieren, werden es ausländische Wettbewerber zukünftig ohne Lokalisierung sicher schwer haben. Generell ist die russische Wirtschaft sehr rohstofflastig. Insofern ist die Zielsetzung der Regierung richtig, zu diversifizieren, andere Industrien aufzubauen und die Fertigungstiefe sukzessive zu erhöhen. Es fehlt aber möglicherweise in bestimmten Bereichen an den hierfür notwendigen Rahmenbedingungen, um beispielsweise die tiefgehende Fertigung komplexer Produkte abbilden zu können. Hier wäre es sicherlich hilfreich, wenn die Regierung neben der Formulierung der Forderung „Lokalisiert!“ auch dafür sorgen würde, dass die Infrastruktur sich mit entwickelt. 

Das Interview führte Lena Steinmetz, AHK Russland

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