ExxonMobil: „Importsubstitution klingt einfach, aber die Realität sieht anders aus“

ExxonMobil ist eines der größten börsennotierten Unternehmen der Welt. Es verfügt über die größten Produktionsressourcen in seiner Branche und gehört zu den weltweit größten Downstream-Unternehmen in der Ölindustrie. Seit den 1990ern ist das Unternehmen auch in Russland tätig. Jörg Weller kennt die postsowjetischen Märkte seit 30 Jahren und leitet aktuell die Downstream-Russlandtochter Mobil Oil Lubricants LLC mit Sitz in Moskau. Im Gespräch mit der AHK spricht Weller über Nachhaltigkeit, E-Mobilität und die Megatrends der Zukunft.

ExxonMobil: „Importsubstitution klingt einfach, aber die Realität sieht anders aus“

Dieses Interview stammt aus unserer jährlichen Publikation „100 Fragen und Antworten zum Russlandgeschäft“. In Interviewform schildern die in Russland tätigen Unternehmen ihre je persönliche Sicht auf ihre Branche und den russischen Markt.


Herr Weller, Sie waren Ihr gesamtes Berufsleben im Öl- und Gasgeschäft tätig. Wie sind Sie dazu gekommen? 

Durch einen Zufall, wie es oft so ist in der beruflichen Entwicklung. In meiner Heimatstadt Berlin studierte ich Außenwirtschaft, danach arbeitete ich bei einem Handelsbetrieb, der sich mit Export- und Importoperationen beschäftigt. Dort bin ich Einkäufer für Schmierstoffe geworden. Irgendwann hat mir Esso einen Job angeboten. Esso ist der Handelsname des US-amerikanischen Öl- und Gasriesen ExxonMobil. Das Unternehmen beauftragte mich Anfang der 1990er-Jahre mit dem Aufbau des Schmierstoffgeschäfts im postsowjetischen Raum. Damals war die Marke Esso in den GUS-Märkten völlig unbekannt. In Russland, der Ukraine und Kasachstan musste das Business quasi von null aufgebaut werden. Heute sind wir hier einer der größten Player.

Sie leiten mit Mobil Oil Lubricants LLC die Russland-Tochter von ExxonMobil mit Sitz in Moskau. Womit beschäftigt sich Ihr Unternehmen eigentlich?

Unser Kerngeschäft sind Schmierstoffe, im Volksmund auch bekannt als Öle und Fette. Im B2B-Bereich bieten wir Schmierstoffe für jede Art von mobilen und stationären Maschinen und Geräten an. Wir verkaufen nicht nur, sondern bieten ganzheitliche langfristige Lösungen an, die unseren Kunden helfen, ihre Effizienz zu steigern. Ein Aspekt ist der sogenannte „Plant Engineering Service“, bei dem wir die Schmierstoffleistung einer Anlage kontinuierlich überwachen.

In der Bevölkerung sind Sie aber vor allem für ihre Motoröle bekannt.

Sie finden unsere Produkte russlandweit in mehr als 1000 Geschäften. Wir verkaufen Öle für leichte und schwere Kraft- und Nutzfahrzeuge. Unsere bekannteste synthetische Motorenöl-Marke Mobil 1 hat ihre Qualität mehr als 45 Jahre auf den Straßen der Welt unter Beweis gestellt. In Russland hat Mobil 1 fünfmal den „Product of the Year“-Award gewonnen, was auch ein Zeichen der Anerkennung durch den russischen Autofahrer ist. In Russland verfügen wir im Rahmen des Mobil 1 Center-Programms über ein Netzwerk an unabhängigen Ölwechselstationen. Die Kunden können in mehr als 600 Filialen ihr Öl wechseln und vorab bequem per App einen Termin buchen und sich beraten lassen.

In den 1990ern war ExxonMobil in Russland nahezu unbekannt, heute sind Sie im Schmierstoff-Bereich ein großer Player im Markt. Wie ist Ihnen das gelungen?

Vor allem dank unserer Qualität und dem Vertrauen der Kunden. Unsere erfolgreiche Marketingstrategie, unsere Werbung und der Motorsport – all das trägt zur Bekanntheit unserer Marke bei. Und natürlich gibt es in Russland viele Formel-1-Liebhaber, die unsere Werbung auf dem Red-Bull-Fahrzeug und den Anzügen des Rennfahrers Max Verstappen sehen.

Was hat sich in den vergangenen Jahrzehnten im Schmierstoff-Business verändert? 

Sehr viel. Zum einen ist das Geschäft deutlich beratungsintensiver als früher, weil die Technologien sich rasant entwickeln und die Anwendung komplizierter wird. Zum anderen spielt Digitalisierung inzwischen eine riesige Rolle. Ebenso hat sich der Anteil synthetischer Schmierstoffe am Gesamtverkauf signifikant vergrößert.

Auf welchen Branchen liegt in Russland ihr Fokus?

In Russland konzentrieren wir uns auf die Schlüsselbereiche Energie, Holz, Bergbau und Stahl. Aber grundsätzlich stellen wir Öle für alle Industriezweige her, zum Beispiel Maschinenbau und Lebensmittelproduktion.

Sie importieren den Großteil Ihrer Öle, doch in diesem Jahr haben Sie Ihre erste lokale Produktion in Russland eröffnet. Was hat es damit auf sich? 

Seit diesem Jahr produzieren wir eine Reihe industrieller Erzeugnisse lokal in der russischen Stadt Obninsk. Sie liegt knapp 100 Kilometer südwestlich von Moskau in der Region Kaluga. In der Fabrik stellen wir Schmierstoffe für den russischen Bergbausektor her. Sie kommen zum Beispiel in Muldenkippern, Baggern, Bulldozern, Geländefahrzeugen und Dieselgeneratoren zum Einsatz. Im Bergbau entsteht sehr viel Schmutz, der in den Motor gelangt und ihn verschleißt. Unser Motorenöl sorgt dafür, dass der Verschleiß reduziert und der Lebenslauf der Komponenten verlängert wird. Die Öle eignen sich für einen breiten Temperaturbereich und funktionieren auch, wenn es im Winter eiskalt ist. Zusätzlich haben wir ein Lager in Nowosibirsk eröffnet, um näher am Kunden zu sein und die Lieferzeiten in die Bergbauregionen zu verkürzen.

Welche Rolle spielt Nachhaltigkeit für Ihr Russlandgeschäft?

Zu unseren Nachhaltigkeitsgrundsätzen gehört nicht nur umweltverantwortliches Produzieren. Mit unseren hochwertigen Industrieschmierstoffen und Dienstleistungen bieten wir Lösungen für Umweltprobleme an. Unseren Aktivitäten im Bereich der nachhaltigen Entwicklung liegt eine ausgewogene Strategie zugrunde, die Wirtschaftswachstum, die soziale Entwicklung und Umweltschutz fördert. Diese Strategie ist nötig, um zu verhindern, dass durch die heutigen Aktivitäten negative Folgen für die zukünftigen Generationen entstehen. Wir optimieren den Schmierstoffverbrauch, die Lebensdauer von Maschinen, die Ölwechselfristen, das Gesamtaufkommen von Altöl und die Vertriebskosten. Das alles hängt miteinander zusammen. Zudem verkaufen wir eine ganze Reihe umweltfreundlicher Produkte, die einen maximalen Schutz für Böden sowie Grund- und Oberflächenwasser gewährleisten.

Gehen Sie auch den E-Mobility-Trend mit? 

Das ist bislang ein recht kleiner Teilbereich, der aber immer wichtiger wird. Laut des Energy Outlook, den wir jährlich herausgeben, sind bis 2040 global rund 20 Prozent der Pkw-Flotten elektronisch. Eine riesige Menge, wenn Sie sich überlegen, wie viele Autos heute allein auf russischen und deutschen Straßen unterwegs sind. Für E-Autos bieten wir unter anderem mit Mobil EVTM eine Schmierstoffserie an, die den Strombedarf reduziert und dadurch längere Fahrtstrecken ermöglicht.

Sie arbeiten im Bereich E-Autos auch mit dem deutschen Luxus-Autobauer Porsche zusammen.

Uns verbindet eine langjährige und tiefe Partnerschaft, auch bei der Entwicklung von Schmierstoffen. Im Motorsport liefert ExxonMobil Schmierstoffe für den Stuttgarter Autobauer, seit jüngster Zeit auch für das Porsche-Team bei der Formel E, dem Elektro-Analog zur Formel 1. In Berlin war ich bei einem Elektrorennen dabei und fand es toll. Zwar vermisse ich die lauten Motorengeräusche, aber diesen Kompromiss gehe ich gerne ein, wenn es der Umwelt hilft. Ich will jetzt keine Werbung für Porsche machen, aber deren E-Auto, der Taycan, ist ein schönes Auto mit gutem Design und großer Reichweite.

In Russland ist es noch ein weiter Weg in Richtung E-Mobilität. Wo geht für Sie die Reise in den nächsten zehn Jahren hin?

Es gibt viele Megatrends, die zu massiven Veränderungen führen. In Russland nimmt die Urbanisierung immer stärker zu. Metropolen wie Moskau müssen ihre Mobilitätskonzepte komplett überdenken, um einen Verkehrskollaps zu vermeiden. Schon heute ist Russland bei Carsharing einer der Weltmarktführer. Es gibt hierzulande Firmen, denen Zehntausende Fahrzeuge gehören. Für uns bedeutet das eine starke Veränderung in der Kundenstruktur. Darüber hinaus wird eine nachhaltige Ausrichtung der Industrie dazu führen, dass der Anteil synthetischer Schmierstoffe an den Gesamtverkäufen weiter steigt. In der Industrie wird es immer wichtiger, den Kunden zu beraten, um den richtigen Schmierstoff zu wählen, den Energieverbrauch zu verringern und die Wirtschaftlichkeit zu erhöhen. Außerdem treibt die russische Regierung inzwischen die Reform der erweiterten Herstellerverantwortung stark voran. Für uns geht es dabei um Themen wie Verpackungen und Altölumarbeitung. Ein weiter Trend ist die Lokalisierung. Wenn wir mit unseren Produkten für die Bergbauindustrie erfolgreich sind, könnten wir die lokale Produktion weiter ausbauen.

ExxonMobil will künftig womöglich noch mehr Schmierstoffe lokal in Russland fertigen. Hängt das auch mit dem Trend zur Importsubstitution zusammen, der ausländische Hersteller zur Lokalisierung drängt?

Unser Business ist bisher nur wenig von Importsubstitution betroffen. Selbst Unternehmen, die sich im Staatsbesitz befinden, müssen häufig auf importierte Schmierstoffe zurückgreifen. Das liegt auch daran, dass viele staatliche oder teilstaatliche Unternehmen importierte Maschinen und Ausrüstung verwenden. In den Garantiedokumenten dieser Maschinen steht genau vermerkt, welche Spezialschmierstoffe zum Einsatz kommen müssen.

Die russische Industrie hat also keine andere Wahl.

Ein gutes Beispiel ist die russische Landwirtschaft, die sehr viel selbst produziert – und das mit großem Erfolg. Andererseits gibt es eine Weltwirtschaft, eine starke globale Verflechtung. Nicht jedes Land kann alles selbst produzieren, das ergibt wirtschaftlich keinen Sinn. Zwar hat Russland als größter Flächenstaat enormes Potential und viele Rohstoffe, aber selbst einer der Exportweltmeister Deutschland stellt nicht alles selbst her. Zahlreiche Vorprodukte für unsere Enderzeugnisse stammen aus der ganzen Welt. Russisches Öl eignet sich als Basis für Schmierstoffe, diese müssen aber mit importierten Additiven angereichert werden.

Vielen Dank für das Gespräch, Herr Weller.

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