Hans-Jürgen Burkard: „Moskau ist Boomtown und Moloch zugleich“

Der Fotograf Hans-Jürgen Burkard über den rasanten Wandel in Moskau, seine Begegnungen mit Boris Jelzin mit Wladimir Putin und das von ihm fotografierte AHK-Projekt „Russland-Meister“. Beata Arnold

Hans-Jürgen Burkard: „Moskau ist Boomtown und Moloch zugleich“

Hans-Jürgen Burkard, 1952 in Lahnstein geboren, studierte von 1975 bis 1981 Visuelle Kommunikation mit dem Schwerpunkt Photographie an der Fachhochschule Dortmund. Nach seinem Studium arbeitete er als Reportagefotograf, unter anderem für GEO. Ab 1989 war er als einer der ersten akkreditierten westlichen Fotografen im „Stern“-Büro in Moskau und dokumentierte dort den Zerfall der UdSSR. Burkard ist mehrfacher Preisträger von „World Press Photo“ und deutscher Preisträger des „Infinity Award for Journalism“ des International Center of Photography.


Wie beschreiben Sie Moskau einem Menschen, der die russische Hauptstadt noch nie gesehen hat?

Moskau ist Boomtown und Moloch zugleich. Riesengroß ausufernd, manchmal brutal. Wahnsinnsverkehr. Manchmal frage ich mich, wie Menschen in einer Stadt leben können, in der sie so viel Lebenszeit im Stau verbringen. Die Veränderungen sind so schnell, dass ich ohne Rat und Hilfe meiner Bekannten heute oft ziemlich verloren wäre, wo ich nur hin und wieder nach Moskau reise, um einen Job zu machen und Freunde zu treffen.

Wann waren Sie zuerst in Moskau und welche Erinnerung verbinden Sie mit diesem Besuch?

Im Sommer 1981. Ich besuchte eine deutsche Freundin, die in Moskau studierte. Per Aeroflot mit einem Flug ab Berlin-Schönefeld in der DDR, der von der Deutschen Kommunistischen Partei (DKP) gesponsert war. So kam ich als junger Mann aus dem westdeutschen Lahnstein mit einem Studentenvisum billig nach Moskau. Ich sollte die Errungenschaften der Sowjetunion ansehen und schön bei der Reisegruppe bleiben.

Mit Ihrer Neugier wird das nicht geklappt haben, oder täuschen wir uns da?

Richtig. Ich habe mich abgesetzt und Straßenszenen fotografiert. Es gab kaum Verkehr. Einmal bin ich verhaftet worden, als ich einen Taxistand mit Wartenden knipste, aber man ließ mich kurz darauf wieder laufen. Die Menschen erkannten mich mit meinen Adidas-Allroundschuhen sofort als Ausländer. Spieler einer russischen Basketballmannschaft wollten mir die Schuhe gleich auf der Straße abkaufen. Alles war exotisch und spannend. Ich war im „Reich des Bösen“, wie der amerikanische Präsident Ronald Reagan das Land kurz danach bezeichnete. Das „Böse“ war aber eigentlich ziemlich sympathisch. Jedenfalls die Menschen.

Wie kein anderer europäischer Fotograf waren Sie im Russland der 1990er Jahre der Chronist des Wandels. Welche drei Worte beschreiben die damalige Situation?

Aufbruchsstimmung, Stillstand, Chaos – mit jeweils tausend Facetten. Alle erwarteten, dass mit der neumodischen Demokratie Wohlstand und Freiheit wie Manna vom Himmel fallen. Das geschah natürlich so nicht, und „Demokratie“ wurde dann regelrecht zum Schimpfwort. Manche sehen in meinen Bildern aus dieser Zeit einen Beleg dafür, wie der Versuch, eine Demokratie aufzubauen, zu Scheitern und Chaos führte. Ich habe eine andere Meinung. Meine Fotos zeigen die Nachwehen des Scheiterns des kommunistischen Systems der Sowjetunion und ihrer Politik.

Welches Ihrer Fotos charakterisiert die damaligen Verhältnisse in Moskau am besten?

Da tue ich mir schwer. Ich habe tausende Bilder geschossen. Vielleicht ein Foto, das den großen Schwarzmarkt am Luschniki-Olympiastadium zeigt. Die Moskauer nannten den Markt in einem Wortspiel „Dreckspfütze“. Der wurde morgens auf- und abends abgebaut, mit Zehntausenden Menschen und allem, was die Kleinhändler aus China anschleppten, die so genannten „Tschelnoki“, die Seidenraupen. Direkt unter den Augen des großen Lenin-Denkmals. Das hatte schon Symbolkraft für den gewaltigen, schwierigen Übergang von Kommunismus zur Marktwirtschaft – und für die Probleme und das Leid, die damit einhergingen.

Wie hat sich Moskau seitdem verändert?

Es gibt keine Schwarzmärkte mehr, dafür aber mehr Spitzenrestaurants als in jeder anderen europäischen Stadt. Als ich in den 1980er Jahren in Moskau meine erste Wohnung einrichtete, habe ich noch alles importieren müssen, Ikea-Möbel, eine Küche, schalldichte Fenster. Das alles und noch viel mehr bekommt man jetzt ohne Probleme vor Ort.

Für das multimediale AHK-Wanderausstellungsprojekt „Russland-Meister – eine Leistungsschau der deutschen Wirtschaft in Russland“ bin ich kürzlich mit Ulf Schneider, einem erfolgreichen deutschen Firmengründer, in einer Cessna am Moskauer Autobahnring entlang geflogen. Erst aus der Luft wird einem bewusst, wie massiv sich die Stadt ausgebreitet hat. Überall Trabantensiedlungen mit riesigen Wohnblocks. Verwandelte Datschengebiete. Wo früher ein Gartenhäuschen stand, steht jetzt eine Villa. Oder hunderte Villen.

Zum Beispiel im Elitevorort Rubljowka, wo Spitzenpolitiker und Magnaten wohnen?

Nicht nur dort. Zum Wandel an der Rubljowka kann ich eine Geschichte erzählen. Ich habe dort damals Ende der 1980er Jahre in einem wunderschönen Birkenwäldchen, klassisch russisch also, einen geeigneten Ort für ein Porträtfoto von Michail Gorbatschow gesucht, dem Präsidenten der UDSSR, der in einer Staatsdatscha an der Rubljowka wohnte. Heute würde sich die Kreml-Security nur totlachen über eine solche Anfrage und statt des Wäldchens steht dort eine vier Meter hohe Mauer. So wie überall an der Rubljowka. Alles voller Mauern und Blechzäune.

Wie haben Sie den Putsch gegen Michail Gorbatschow von 1991 erlebt?

Am 19. August 1991 sollte ich von Moskau zurück nach Hamburg fliegen. Noch verschlafen im Bett ärgerte ich mich, dass die schon frühmorgens im Hof des Diplomaten- und Journalisten-Wohnblocks am Kutusowskij Prospekt mit Planierraupen zu arbeiten schienen. Das waren aber Panzer, die zum Regierungssitz rollten, dem Weißen Haus. Ich packte meine Kamera und lief los.

Haben Sie dann auch Boris Jelzin getroffen?

Ich war dabei, als er auf den Panzer kletterte und das berühmte Bild entstand mit dem Weißen Haus im Hintergrund. Und dann, als er sich mit seinen Leibwächtern im Gebäude im wahrsten Sinn des Wortes einschweißen ließ – und mich mit ihm. Jelzins Gefolgsleute schweißten die Türen zu, um der KGB-Elitetruppe Alpha das Eindringen zu erschweren. Im Kopf hatte ich das Foto von Salvador Allende, dem chilenischen Präsidenten, als man ihn beim Sturm auf den Regierungspalast durch die putschende Armee evakuieren wollte. Das letzte Bild von Allende, bevor er für immer verschwand. Das wollte ich in Moskau ähnlich machen. Eine dumme Idee: Hätte der KGB-Kommandeur den Befehl zum Sturm nicht verweigert, säße ich wahrscheinlich nicht hier.

Kennen Sie Wladimir Putin?

Auch eine interessante Geschichte. Am Tag der Fallschirmjäger wartete ich Anfang der 1990er auf dem Schlossplatz vor der Eremitage in St. Petersburg auf das weiche Licht in der Dämmerung. Neben mir betrank sich eine Gruppe von Ex-Soldaten, sang patriotische Lieder. Die Jungs waren blau, aber friedlich. OMON-Milizionäre prügelten sie dann gnadenlos vom Platz. Einer der Fallschirmjäger fiel hin und ein OMON-Typ trat ihm mit dem Stiefel ins Gesicht. Blut spritzte. Ich fotografierte die Szene demonstrativ und schrie. „Was macht ihr da. Das sind doch eure Menschen.“ Daraufhin fingen sie an, auch auf mich einzudreschen. Ich zeigte meine Akkreditierungskarte als ausländischer Journalist und drohte, mich bei Bürgermeister Anatolij Sobtschak zu beschweren, den ich am Tag zuvor in seinem Büro porträtiert hatte.

Wie kamen Sie aus der Prügelei raus, und was hat das mit Wladimir Putin zu tun?

Die OMON-Leute lachten mich aus, einer brach mit dem Bajonett die Kamera auf, um den Film zu entfernen. Ich bin dann tatsächlich zum Bürgermeister. Der war aber verreist und sein Stellvertreter saß vor mir: der mir damals unbekannte Herr Putin. Ich hatte als Verstärkung eine Übersetzerin dabei, damit mein Anliegen korrekt rüberkam. Und so kam es zum „Pingpong“ mit Putin über die Übersetzerin. Mit keiner Geste gab Putin zu erkennen, dass er verstand, was ich auf Deutsch sagte. Er würde sich der Sache annehmen. Irgendwann bekam ich Rückmeldung: Das Innenministerium habe kein Dienstvergehen feststellen können. Ich sei nach der Aufforderung, den Platz zu verlassen, gestolpert, hingefallen und meine Kamera sei dabei zu Schaden gekommen.

Haben Sie die postsowjetischen Kriege fotografiert?

Ich bin kein Kriegsreporter. 1992 sind wir allerdings im Hubschrauber des Stabschefs der russischen Puffertruppen im Konflikt zwischen Armenien und Aserbaidschan um Nagorny Karabach abgeschossen worden. Von den eigenen Truppen, weil niemand diese über den Überraschungsbesuch informiert hatte. Unser Pilot konnte aber notlanden, mit Beinschuss und Treffer in der Turbine. Glück gehabt!

Ich habe aber Kollegen verloren. In Tschetschenien den Moskauer Stern-Korrespondenten Jochen Piest. In Jugoslawien meine Stern-Kollegen Gabriel Grüner und Volker Krämer. Ermordet von Alexander Tschernomaschenzew, Spitzname „Faschist“. Er war dort im Kosovokrieg Mitglied einer panslawistischen Söldnertruppe und in Russland vorher Security-Chef der russischen Heavy-Metall-Band „Korosija Metalla“. Deren Auftritte hatte ich fotografiert. Am Ende der Bühnenshow trat damals ein Hitler-Double auf, das mit ausgestrecktem Arm die Menge aufpeitsche und aus der dann viele den Arm zurückstreckten. Und das in Russland, das Hitler mit einem Vernichtungsfeldzug überzogen hatte.

Sie haben für den Stern preisgekrönte Reportagen erarbeitet, auch über die Mafia. Wie gefährlich war das?

Heikel wurde es, als ich den damaligen Paten von St. Petersburg, Wladimir Kumarin, fotografierte, als er nach seiner Verurteilung abgeführt wurde. Polizisten einer Anti-Mafia-Einheit, die ich gut kannte, hatten mich im Etagenklo des Gerichtsgebäudes versteckt. Offiziell durfte es keine Zusammenarbeit mit uns geben. Als Kumarin sah, dass ich ihn ablichtete, fuhr er mit dem Zeigefinger über seine Kehle, schaute auf seine Gefolgsleute und deutete auf mich. Er setzte ein Kopfgeld auf mich aus. Im Polizeiwagen brachte man mich am selben Abend zum Flughafen. Weil: „Wir können Sie nicht mehr schützen“. Ich flog erst einmal zurück nach Deutschland und ließ mich mehr als ein Jahr nicht mehr vor Ort blicken. Kumarin hat später bei einer Schießerei einen Arm verloren, unterzog sich einer OP in der Schweiz, der Reha in Deutschland. Dann war ich wohl vergessen.

An welche Person, die Sie fotografiert haben, denken Sie besonders gern zurück?

Zwei fallen mir ein. Jewfrosinja Kersnowskaja. Sie überlebte zehn Jahre in arktischen Straflagern des sowjetischen Gulag-Systems. In zwölf dicken Notizbüchern schrieb sie ihre Erfahrungen sorgfältig nieder und zeichnete 700 Farbtafeln mit Szenen aus ihrem Arbeitslager. Kopierte diese dann dreimal und musste 30 Jahre lang diese dunkle Seite der Geschichte ihres Landes verstecken. Ich habe sie im Kaukasus getroffen. Trotz des erlebten Horrors blieb sie ein unglaublich herzensguter Mensch.

Und die zweite Person?

Auch eine Frau. Anna Jegorowa, damals 75 Jahre alt. Sie war eine von vier Pilotinnen der IL-2-Bomber, die im Zweiten Weltkrieg von den Deutschen „schwarzer Tod“ genannt wurde. Sie stürzte sich in 243 Angriffen auf den Feind. Abgeschossen und schwer verletzt überlebte sie ihre Gefangenschaft in Deutschland. Das reichte, um in der Heimat als Verräterin zu gelten. 20 Jahre kämpfte die Invalidin um ihre Ehre. Schließlich wurde sie „Heldin der Sowjetunion“. Während der Einsätze hatte sie sich im ungeheizten Flieger die Nieren teilweise erfroren. Uns, den Enkeln ihrer einstigen Feinde, begegnete sie sehr warmherzig, und wir konnten ihr mit Medikamenten helfen, die sie damals in Russland nicht bekam. Die Begegnungen mit ihr gehörten zum Berührendsten, was ich dort erlebte.

Die Russen haben den Deutschen erstaunlicherweise Hitlers Vernichtungsfeldzug gegen die Sowjetunion weitgehend vergeben.

Natürlich ist die Geschichte berechtigterweise noch in vielerlei Weise präsent und wird Gott sei Dank nicht vergessen. Zumindest in meiner Alltagswahrnehmung hat man mich persönlich diese Vergangenheit nie spüren lassen. In Südfrankreich bin ich als Student Anfang der 1970er einmal von einem Bauern mit der Mistgabel vom Acker gejagt worden, als ich Sonnenblumen fotografierte. Der beschimpfte mich, mit Schaum vor dem Mund, als „Boche“, dem französischen Schimpfwort für Deutsche. So etwas ist mir in Russland nie passiert, selbst in Regionen nicht, über die der Krieg in aller Schrecklichkeit hinweggetobt ist.

Die deutsch-russischen Beziehungen sind auf einem Tiefpunkt. Was könnte getan werden, um sie zu verbessern?

Auf politischer Ebene fällt mir leider wenig ein, was gegenwärtig realistisch ist. Privat: Pflegen Sie Ihre bestehenden Freundschaften und erweitern sie ihren deutsch-russischen Freundeskreis.

Was gefällt Ihnen an den Russen? Was nicht?

„Der Russe“ oder „Der Deutsche“ das sind Stereotype, mit denen ich wenig anfangen kann. Das riecht auch zu sehr nach „der Iwan“ oder „der Fritz“, wie es im Weltkrieg und danach hieß. Russland ist so groß mit so vielen verschiedenen Ethnien und Menschen. Ich mag die große Gastfreundlichkeit und Herzlichkeit. Der zunehmende Nationalismus missfällt mir.

Was fürchten Sie?

Wir können die globalen Zukunftsprobleme nur gemeinsam lösen. „Einer über alles“ oder gar „jeder gegen jeden“ mag kurzfristige Rendite bringen, ist aber brandgefährlich. Ich habe brennende Wälder am Amazonas fotografiert, den auftauenden Permafrost in Sibirien und Alaska und Hungercamps im Sudan, in denen täglich Dutzende Kinder um mich herum verhungerten. Ich habe das leise Röcheln der Sterbenden gehört und den Tod gerochen. Das ist etwas anderes als das zu Hause vor dem Fernsehen in 20-Sekunden-Clips zu konsumieren oder an Konferenztischen zu verwalten. Ich wünsche mir manchmal, dass Entscheidungsträger in Politik und Wirtschaft diese Erfahrung auch einmal hautnah machen würden.

Wie sehen Sie die Rolle der deutschen Wirtschaft in Russland?

Positiv. Solange man wenigstens dort miteinander redet, Handel treibt, haut man sich weniger die Köpfe ein.

Wie unterscheiden sich Fabriken, die Sie in den vergangenen Monaten in Russland fotografiert haben, von Fabriken in den 1990er Jahren?

In den Nickel- und Kupferhütten von Norilsk in Nordsibirien lief ich damals nur keuchend durch, hastete von Frischluftinsel zu Frischluftinsel, auf die aus Rohren saubere Luft geblasen wurde. Die Arbeiter hatten hohe Lungenkrebsraten. Alles war marode. In einem Moskauer Fleischkombinat wunderte ich mich über ständiges Quietschen. Ich dachte die Anlagen seien schlecht geölt. Es waren aber Ratten, die im Fleischtrichter rumsprangen und die an den Metallwänden immer wieder abrutschten, bis sie zermahlen wurde. In einer Gießerei im Moskauer Stadtteil Textilschtschiki arbeiteten trotz der schweren Arbeit viele Frauen. Weil die zuverlässiger seien als Männer, nicht trinken und sich nicht beklagen würden, erklärte der Direktor. Die Frauen nannten die Fabrik in Anspielung an ein Konzentrationslager „Buchenwald“. Zwischen diesen und den jungen Frauen in der neuen Mercedes-Fabrik im Moskauer Gebiet, die ich jüngst für das AHK-Projekt fotografierte, liegen Welten. Und das gilt auch für Dutzende anderer Fabriken: von Volkswagen, Siemens, Henkel, Knauf oder Continental. Keine wesentlichen Unterschiede zu den Fabriken in Deutschland.

 

Sie haben auch in Deutschland Fabriken und Unternehmen fotografiert. Sind deutsche Arbeiter anders als russische?

Ein junger russischer Ingenieur unterscheidet sich heute von Bildungsstand und seinem Wissen von der Welt kaum von einem jungen deutschen Ingenieur. Außer, dass der eine vielleicht häufiger Borschtsch-Suppe isst und der andere, wie ich selbst, Currywurst. Manchmal geht es hier deutscher zu als in Deutschland: Bei Henkel bekam ich einen Anschiss, weil ich auf dem Gelände, ohne irgendwelchen Verkehr, direkt über die Straße gelaufen bin, statt den Zebrastreifen 20 Meter weiter zu benutzen. Die Arbeiter in den Fabriken, die ich besuchte, wirken heute motivierter: Ich wurde nicht etwa vom Pressebegleiter, sondern von den Arbeitern darauf hingewiesen, dass ich beim Fotografieren nicht stören möge, denn man müsse auf die Qualität achten und dürfe nicht abgelenkt sein.

Mögen Sie Unternehmer und Manager? Ist es schwer, sie zu fotografieren?

Mag ich Schreiner oder Klempner? Bei meinem Job kommt es nicht auf das „Mögen“ an. Wichtig ist, wie weit mir ein Unternehmer die Türen öffnet. Denn gute Bilder kann man nicht im Vorrübergehen machen. Echte Charaktere sind interessant. Und da gibt es einige unter den Chefs deutscher Unternehmen hier. Deutsche Manager, die in Russland erfolgreich sind, können eigentlich keine Schmalspur-Typen sein. Das Land erfordert ja ständige Flexibilität und große Wachheit und eine Offenheit im Umgang mit Menschen.

Mit „An Tagen wie diesen“ haben Sie jüngst einen hochgelobten Bildband veröffentlicht, eine Deutschlandtour von Sylt bis ins Erzgebirge, von der Lausitz bis in den Ruhrpott, garniert und inspiriert von Texten deutschsprachiger Gruppen wie z.B. den „Toten Hosen“, „Haftbefehl“ oder „Grönemeyer“. Können Sie sich so etwas auch in Russland vorstellen?

Es ist mein Traum, etwas Ähnliches zu machen. Eine große Porträtserie von 500 Menschen in ihrer sozialen Umgebung: Vom Eisbär-Forscher in Wrangel, dem Matrosen auf einem U-Boot in Petropawlowsk-Kamtschatskij. Von der Duma-Sekretärin, einem Musiker in einem philharmonischen Orchester und dem Schamanen in Jakutien. Die Bandbreite der Völkerschaften zeigen und alle dort fotografieren, wo sie leben und arbeiten und ihnen dieselbe Frage stellen: Was Russland für sie bedeutet. Die Antwort aufnehmen. Bei der Ausstellung jeweils einen kleinen Lautsprecher dazustellen, so dass das Bild zum Betrachter spricht.

Wenn es darin dann auch ein Bild von Ihnen bei der Arbeit in Russland gäbe, was würden wir hören?

Ich würde sagen: Russland ist für mich wie eine zweite Heimat, auch wenn ich jetzt selten da bin. Es war für mich immer eine Inspiration und ein bedeutender Teil meines Lebens – durch die Menschen, die ich in diesem Land getroffen habe und noch immer fotografiere.

Was ist Ihr Lieblingsort in Moskau?

Die Tretjakow-Galerie mit den historischen Gemälden wie denen der Massenszenen des Malers Wassilij Surikow. Da wünschte ich mir, ich könnte mich mit einer modernen hochauflösenden Kamera zurückbeamen in diese Zeit und sie dokumentieren.

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