Interview mit Borislav Ivanov-Blankenburg

„Wir fokussieren uns auf das Firmenkundengeschäft“

Borislav Ivanov-Blankenburg, Vorstandsvorsitzender der Deutschen Bank Russland: „Wir fokussieren uns auf das Firmenkundengeschäft“

Die Deutsche Bank ist seit 1881 in Russland und gehört damit zu den deutschen Unternehmen, die am längsten hier sind. Wie hat sich Ihr Geschäft über diese Zeit entwickelt? 

Dass wir bereits seit über einem Jahrhundert hier sind, zeigt, wie wichtig uns der russische Markt ist. Die Deutsche Bank hat in Russland spannende Zeiten erlebt. Damals, 1881, hatte sich die Deutsche Bank an der russischen Außenhandelsbank beteiligt. Das war die Grundlage unseres Russlandgeschäfts. Die ersten Projekte hingen mit dem Eisenbahnbau zusammen und auch knapp 140 Jahre später sind wir weiter in Infrastrukturprojekten tätig. Nach der Oktoberrevolution war die Deutsche Bank weiter in Russland präsent und hat etwa Exportfinanzierungen übernommen. Sogar während des Kalten Krieges waren wir 1971-72 an den deutsch-sowjetischen Röhren-Erdgas-Geschäften beteiligt. Dabei haben wir drei große Finanzierungstranchen jeweils in Milliardenhöhe – damals eine riesige Summe – gestellt und waren ein wichtiger Teil der Wirtschaftsdelegationen in die Sowjetunion. Die Deutsche Bank war 1973 eine der ersten ausländischen Banken, die eine Repräsentanz vor Ort eröffnet hat – damals noch in der Sowjetunion. Auch nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion haben wir bald eine Repräsentanz wiedereröffnet. Seit 1998 gibt es die Deutsche Bank OOO, eine Bank mit Volllizenz als Tochter der Deutsche Bank AG in Russland. 2006 haben wir einen russischen Investmentbroker gekauft und darauf das lokale Investment-Banking aufgebaut, welches vor drei Jahren im Rahmen der stetigen Veränderung der Märkte neu geordnet wurde und nun aus internationalen Standorten betreut wird. Die Kernkompetenz unserer Bank im Firmenkundengeschäft und das Bekenntnis zum russischen Markt hat sich über all diese Zeit aber nicht wesentlich verändert. 

Wo stehen Sie jetzt auf dem russischen Markt? 

Wir fokussieren uns auf unsere Stärke, das Firmenkundengeschäft. Dafür kamen wir ja auch ursprünglich nach Russland: um deutsche und internationale Firmen sowie ihre Tochterunternehmen und Projekte hier vor Ort zu unterstützen. Dieses Geschäft bauen wir weiter aus, erweitern ständig unsere Produktpalette, verbessern unsere Technologien und unseren Service. Oft betreuen wir Unternehmen nicht nur hier in Russland, sondern auch weltweit als Kunden – sie profitieren insofern von unserem internationalen Netzwerk. Borislav Ivanov-Blankenburg Vorstandsvorsitzender der Deutschen Bank Russland 14 Bankwesen. 

Ein Privatkundengeschäft haben Sie in Russland nicht? 

Nein, obwohl wir ständig Anfragen dazu bekommen. Wir hatten das auch schon vor Jahren einmal evaluiert – 2005, da war ich das erste Mal hier. Die globale Strategie der Deutschen Bank konzentriert sich jedoch auf das Firmenkundengeschäft. Nur im Heimatmarkt Deutschland und einigen ausgewählten Ländern sind wir auch im Privatkundengeschäft aktiv. 

Was sind für Sie die Besonderheiten des russischen Markts? 

Zunächst die Marktgröße – es gibt nicht wenige deutsche Firmen, für die Russland neben ihrem Heimatmarkt der zweitstärkste im Portfolio ist. Außerdem muss man die lokalen Regulierungen genau kennen, da sie sich schnell ändern können, beispielsweise das Währungskontrollregime, neue Entwicklungen im politischen Umfeld sowie Sanktionen. Das macht das tägliche Geschäft für die Mitarbeiter hier so interessant. Der Herausforderung stehen auch gute Ergebnisse gegenüber. 

Auf dem St. Petersburger Wirtschaftsforum in diesem Jahr haben Sie eine Vereinbarung unterzeichnet, die die Finanzierung des Aufbaus einer Ethylenproduktion in Tatarstan vorsieht. Was ist das für ein Projekt und was übernimmt die Deutsche Bank dabei? 

Es geht um eine Hermes-gedeckte Finanzierung über 807 Millionen Euro, die wir mit fünf weiteren deutschen Banken gemeinsam auf die Beine gestellt haben. Wir sind dabei die führende Bank und organisieren die Finanzierung. Das Projekt ist eine Ethylen-Anlage für die Firma Nizhnekamskneftekhim, ein sehr bekanntes russisches Unternehmen und Teil der TAIF-Gruppe. Der Bau dauert drei bis vier Jahre, die Finanzierung ist eine lange Projektfinanzierung über fast 15 Jahre. Der deutsche Gegenpart des Vertrags ist die Linde AG. An solchen Beispielen zeigt sich unsere Kernkompetenz, russische Firmen vor Ort zu unterstützen, mit Hilfe deutscher Unternehmen etwas aufzubauen und aus Deutschland heraus zu finanzieren. Weitere große Finanzierungen, die wir hier in Russland getätigt haben, waren etwa für bekannte russische Firmen wie Gazprom, Suek. Wir haben diverse Bond-Anleihen für diese Firmen ausgegeben, Währungsswaps getätigt, Wandelanleihen – die gesamte Bandbreite an Finanzierungsmöglichkeiten. 

Wie attraktiv ist Russland momentan für ausländische Anleger? 

Russland ist nach wie vor einer der größten Märkte der Welt und bietet dementsprechend große Wachstumschancen. Viele Analysten betrachten Russland nicht mehr als Entwicklungsland wie noch vor 20 Jahren, sondern als reifen, gesättigten Markt. Daher erwarten wir auch kaum mehr Wachstumsraten von sechs bis zehn Prozent, sondern ein eher moderates Wachstum. Russland ist ein sehr wichtiger und attraktiver Markt für viele internationale Unternehmen, und wird es bleiben. Das hören wir auch von unseren Kunden. Es werden weiter diverse Investitionen geplant, und viele deutsche Firmen konnten in den vergangenen Monaten zweistellige Wachstumsraten verzeichnen – ein Anzeichen für das weiterhin hohe Potenzial. „Zusammen mit anderen ausländischen Banken tragen wir dazu bei, die Modernisierung des Finanzsektors in Russland voranzutreiben.“ 

Was haben die Sanktionen für Ihr Geschäft vor Ort bedeutet? Wie haben Sie reagiert? 

Die Deutsche Bank unterliegt auf der ganzen Welt Regulierungen und hält sich daran. In unserer alltäglichen Arbeit haben wir uns auf die Sanktionen gegen Russland eingestellt. Natürlich wirkt sich das auf unser Geschäft aus. Grundsätzlich haben wir ein klares Feld außerhalb der Sanktionen, auf dem die Bank weiterhin tätig sein kann, und da entwickeln wir unser Geschäft konsequent weiter. Im Geschäft mit internationalen Firmen sind die Maßnahmen weniger sichtbar als im Geschäft mit den großen lokalen Kunden. Die Sanktionen hatten und haben Einfluss auf die russische Wirtschaft und den Kurs des russischen Rubel, aber wir haben gelernt, in diesem Umfeld zu arbeiten und unterstützen dabei auch unsere Kunden. Die Sanktionen treffen zum Beispiel das ImportExport-Geschäft von Kunden – hier ist der Währungskurs von großer Bedeutung. Aber eine Bank ist dazu da, die Unternehmen in diesem Umfeld adäquat zu unterstützen, und ich denke, das machen wir in den letzten Jahren sehr erfolgreich. 

Wie finden sich ausländische Banken auf dem russischen Markt zurecht? Haben alle genug Platz? 

Private ausländische Banken wie unsere müssen weiterhin auf dem Markt bestehen können und gute Geschäfte im Land machen können. Ich sehe, dass die Zentralbank sehr bemüht ist, diesen Wettbewerb zu gewährleisten. Ich denke, dass die Zentralbank in den letzten zwei bis drei Jahren in der Krise sehr adäquat und richtig gehandelt hat. Dort arbeiten hochprofessionelle Spezialisten – auf jeder Ebene. 

Wie arbeiten Sie mit den russischen Ministerien zusammen? 

Zusammen mit anderen ausländischen Banken tragen wir dazu bei, die Modernisierung des Finanzsektors in Russland voranzutreiben. Wir sind Teil des Foreign Investment Advisory Council, in diesem Rahmen unterbreiten wir der Regierung – dem Finanzministerium und dem Wirtschaftsentwicklungsministerium – Vorschläge. Ziel ist es, den Handel zwischen Westeuropa und Russland zu verbessern. Da geht es etwa um den Zahlungsverkehr im Bereich von Zoll, Steuern und für staatliche Ausschreibungen. Früher wurden bei letzterem beispielsweise die großen Staatsbanken per Gesetz bevorzugt. Nun wird die Qualität, also das Foto: Pixabay 16 B ankwesen Rating der Bank, einbezogen. Die Ministerien zeigen sich in der Zusammenarbeit sehr offen und hoch professionell. 

Was kommt mit der Erhöhung des Mehrwertsteuersatzes von 18 auf 20 Prozent Anfang 2019 auf das Land zu? 

Wir sehen keine dramatischen Auswirkungen. Es kann sein, dass dieser Schritt temporär die Inflation erhöht – vielleicht um bis zu einem Prozent. Die Inflation könnte dann auf fünf statt des Inflationsziels von vier Prozent klettern. Aber das wird sich dann normalisieren. Aus volkswirtschaftlicher Perspektive gleicht sich das aus, denn das Geld soll ja, wie wir es verstehen, in die neuen sozialen Programme fließen, die von der Regierung aufgesetzt wurden. Kurzfristig ist daher wohl eine geringe Auswirkung zu erwarten, mittel- bis langfristig sogar eine positive, wenn das Geld in die richtige Richtung fließt. 

Wohin geht es in Zukunft für die Deutsche Bank in Russland? Weist Ihr Technologiezentrum in Moskau und St. Petersburg dabei die Richtung? 

Die Deutsche Bank sieht sich weltweit als technologisch geprägtes Unternehmen. Russland ist mit dem Technologiezentrum – einem von weltweit vier – ein wichtiger Bestandteil dieser Strategie. Dort arbeiten aktuell über 1000 Spezialisten im IT-Bereich, Tendenz steigend. Das sind sowohl Finanzmathematiker als auch Programmierer. Sie unterstützen die Bank weltweit – insbesondere bei den hochkomplizierten Aktienhandelsprogrammen. Hochqualifizierte Fachkräfte wie in Russland findet man nicht überall auf der Welt. 2002 war unser Technologiezentrum noch ein Start-up mit 20 Personen, eine kleine Abteilung in der Bank, die dann gewachsen und gewachsen ist. 2014 haben wir es als eine eigene Gesellschaft ausgegründet. Unser Technologiezentrum ist eine große Erfolgsgeschichte.


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