„Mit weniger Ressourcen mehr erreichen"

Das Unternehmen Henkel kam 1990 in die Sowjetunion. Ein Jahr später zerfiel die UdSSR. Doch war dem Firmenmanagement damals ebenso klar wie heute: Russland ist ein großer Markt mit Potenzial. Wie dieses Potenzial bisher genutzt wurde, und wie es für Henkel in Russland weitergeht, erzählt Sergey Bykovskih, Präsident Henkel Russia und General Manager Henkel Beauty Care in Russia & CIS.

„Mit weniger Ressourcen mehr erreichen"

Wie lange sind Sie schon bei Henkel?

Seit einem Vierteljahrhundert arbeite ich bereits im Unternehmen. 1994 kam ich zu Schwarzkopf, einer damals sehr kleinen Firma, die später von Henkel übernommen wurde. Wir waren gerademal zehn Mitarbeiter. Heute leite ich eine Struktur mit nahezu 3000 Mitarbeitern und einem Umsatz von rund einer Milliarde Euro. Ein solides Geschäft. Und ich bin mit dieser Firma mitgewachsen.

Im nächsten Jahr feiert Henkel sein 30-jähriges Jubiläum in Russland. Wie entwickelte sich das Unternehmen in all den Jahren? Worauf sind Sie heute besonders stolz?

Darauf kann man ziemlich ausschweifend antworten oder doch besser ein paar Fakten nennen, die für sich sprechen. Vom Absatzvolumen her ist Russland zum rangfünften Markt für das Unternehmen geworden. Das heißt, wir sind ein strategisch prioritärer Markt, eine Wachstumsregion mit überproportionaler Rendite. Wir sind in allen drei Geschäftsbereichen des Konzerns führend, bei vielen Nischenprodukten sind wir gar konkurrenzlos. Wir haben die Fertigung lokalisiert und zehn Produktionsstandorte aufgebaut. Auch führen wir Geschäfte im E-Commerce. Verändert hat sich zudem die Unternehmensstruktur. Aus mehreren zerstreuten Firmen sind wir zu einer homogenen Organisation zusammengewachsen, haben die internen Abläufe konsolidiert, damit wir uns auf die Schlüsselaufgaben konzentrieren können: auf die Einführung von Innovationen, auf die Zusammenarbeit mit den Partnern, auf die Effizienzsteigerung. Eine weitere wichtige Transformation sind die Menschen bei uns: Es ist uns gelungen, ein großes lokales Profiteam auf allen Ebenen aufzubauen.

Würden Sie bitte ausführlicher auf Ihre Produktionsstandorte in Russland eingehen?

Ungeachtet der Krisen im Lande wuchsen wir immer qualitativ, erhöhten das Absatzvolumen und den Marktanteil. Einer der Erfolgsfaktoren ist eine starke Produktionsbasis. Wir verfügen über zehn Produktionsstandorte, wobei unsere Anlage in Noginsk vom  Produktionsvolumen her die weltweit zweitgrößte Kosmetikfertigung des Konzerns ist. Von Noginsk aus werden neben Russland auch einige GUS-Länder beliefert. In den letzten zehn Jahren haben wir insgesamt ca. 300 Millionen Euro in die Standorte investiert. Und wir modernisieren stetig weiter. Bald starten wir hier eine neue Produktionslinie. Im September haben wir im Leningrader Gebiet bereits unser sechstes Werk zur Herstellung von Baustoffen eröffnet. Wir erweitern also stetig unsere Produktion, kaufen neue Ausrüstung, fertigen neue Produktkategorien. Dieser Markt hat ein enormes Potential. Zählt man nicht nur die Verbraucher in Russland, sondern auch die in den GUS-Ländern hinzu, ergibt sich ein Marktvolumen von rund 200 Millionen Käufern.


2019 feiert Ihre Kosmetiksparte 25 Jahre Marktpräsenz in Russland. Wie hat sich das Verhältnis der Kunden zu Pflegeprodukten in dieser Zeit gewandelt? Worauf achten sie heute bei der Produktauswahl?

Die Verbraucher, insbesondere die jüngeren, achten mehr auf die Umweltproblematik und interessieren sich dafür, in was für einer Welt sie leben, wie ökologisch die Produkte sind, die sie verbrauchen. Sie sind darauf bedacht, überflüssige Verpackung zu vermeiden, entscheiden sich für wiederverwertbare Verpackungen oder solche aus recyceltem Material. Wir indes bieten Lösungen, die dem Marktbedarf entsprechen. Beispielsweise haben wir die Rezepturen einiger Körperpflegeprodukte verändert. Jetzt ist ein bioabbaubarer Zusatz darin enthalten, der keine Rückstände im Abwasser hinterlässt. Auf diese Weise bieten wir ein Produkt mit optimierter Umwelteinwirkung bei verringerten Selbstkosten. Oder nehmen Sie unsere Neuheit in der Haarpflegelinie Gliss Kur – die pflanzlich aktive Phyto-Stemcell-Complex-Technologie, die dank Wirkstoffen natürlichen Ursprungs eine schonende RepairWirkung entfalten.

Wie lösen Sie das Problem mit der überschüssigen Verpackung?

Momentan sind rund 90 Prozent aller Verpackungen sogenannter primärer Kunststoff, der sich nicht auflöst, sondern praktisch ewig hält. Es wird viel davon hergestellt, Millionen Tonnen, und das ist inzwischen eine spürbare Belastung: Unsere Flüsse, Meere, Ozeane sind verschmutzt. Wir bei Henkel haben uns ein Ziel gesetzt: Bis 2025 muss die komplette Verpackung recycelbar  oder biologisch abbaubar sein, der Anteil von recyceltem Plastik in der Verpackung muss in Europa einen Anteil von 35 Prozent erreichen. Wir prüfen die Möglichkeit, auch in Russland recyceltes Plastik zu verwenden, aber die auf dem Markt verfügbaren Mengen dieser Rohstoffe sind sehr begrenzt. Gerade suchen wir einen lokalen Partner, testen die Qualität angebotener Stoffe. Für das nächste Jahr planen wir, in den Pflegelinien Fa und Schauma Produkte mit komplett natürlichen Rezepturen und mit nahezu zu 100 Prozent aus recyceltem Plastik bestehenden Verpackungen anzubieten. Wir setzen die Arbeit in diesem Bereich fort, die Thematik ist auch bei den Regionalregierungen auf positive Resonanz gestoßen.

Selbst in der Zeit der Sanktionen bauen Sie Ihre Präsenz in Russland aus. Wie schaffen Sie das?

Die Henkel-Gründer dachten nie an kurzfristige Ergebnisse und Erträge, sondern ließen sich immer von der Philosophie langfristiger Strategien leiten. Das Gemeinschaftsunternehmen Henkel in Russland (damals noch Sowjetunion) wurde 1990 gegründet. Das war ein Risiko. Dass das Land sich an der Schwelle zur Transformation befand, war schon abzusehen. Zugleich war der Firmenführung klar, dass Russland ein großer Markt mit einer gewissen Portion Unwägbarkeit ist, aber auch mit Perspektive. Vor der Frage, hier wegzugehen, standen wir daher nie. Im Ergebnis verfügt das Unternehmen heute über ein großes Geschäft und loyale Käufer. Denn wir blieben bei unseren Kunden all die schwierigen Jahre hindurch. Das kommt auf uns zurück in Form von Markentreue und großer Nachfrage. Wir unsererseits stehen nicht still, entwickeln neue Produkte, passen uns dem Markt an, befriedigen neue Bedürfnisse. Wir waren die ersten mit Trockenshampoos auf dem russischen Markt. Diese Produktkategorie gibt es sowohl in erschwinglichem als auch in höherem Preissegment. Wir halten auf verschiedenen Ebenen und Vertriebskanälen Kontakt zum Kunden. Wir haben immer ein relevantes Angebot.


Erzählen Sie bitte über Ihre sozialen Projekte.

Bereits seit fünf Jahren betreiben wir die Initiative „Henkel Forscherwelt“, ein Ausbildungsprogramm mit über 5000 Teilnehmern. Dadurch wecken wir bei den Kindern Interesse an Naturwissenschaften. Die Kinder sind entweder in stationären oder in mobilen Labors tätig, wo sie selbst Produkte entwickeln, die unseren ähnlich sind. Das Programm wird nicht nur in Moskau angeboten, sondern auch in den Regionen, wo unsere Mitarbeiter und Standorte vorhanden sind. Gemeinsam mit der X5 Retail Group fördern wir die Initiative „Dobryje kryschetschki“ (dt.: Gute Deckel). Wir haben extra Container aufgestellt, um Plastikflaschendeckel zu sammeln, die anschließend verarbeitet werden. Der Erlös geht an  Bedürftige.

Gemeinsam mit der Handelskette Magnit und der Logistikfirma CHEP haben wir ein Projekt zur Wiederverwendung von Transportpaletten gestartet. Dies ist weniger eine Initiative aus dem sozialen als aus dem Bereich der Nachhaltigkeit. Damit sollen die Logistikkosten optimiert und zugleich die Umweltbelastung reduziert werden. Unsere Produkte werden auf Holzpaletten geliefert, die anschließend wiederverwendet werden. Sie werden nicht entsorgt und nicht verbrannt, sondern gehen an andere Lieferanten zu Transportzwecken.

Sie haben das Thema Nachhaltigkeit angesprochen. Wie wichtig ist es für Henkel?

Nachhaltigkeit ist unsere strategische Priorität. Wir möchten positiv auf die Umwelt einwirken. Wir haben einen konkreten Plan bis 2030, wie die Einwirkung auf die Umwelt ohne Effizienzverlust zu verringern ist. Das heißt: Wir werden mehr produzieren bei geringerer Ressourcennutzung. Allein in Russland haben wir in der letzten Dekade die Umweltfolgen unserer Betriebe um 30  Prozent reduziert; wir verbrauchen weniger Strom, weniger Wasser, erzeugen weniger Abfälle. Unser Werk in Perm ist nahezu abfallfrei. Innerhalb von zehn Jahren haben wir die Anlage derart optimiert, dass alles wiederverwertet, recycelt wird.

Wie geht es für Sie weiter?

Wir wollen ein rentables Unternehmen unter Konkurrenzdruck und im volatilen Marktumfeld bleiben. Zu erreichen ist dies nur durch Effizienzsteigerung in den Abläufen. Wir optimieren die Kosten, verstärken den Lokalisierungsgrad, implementieren Innovationen, erschließen neue Vertriebskanäle, erfinden unsere Kommunikationsansätze neu. Unser Geschäft ist vom Wesen her so, dass wir den Einzelhändler brauchen, damit unser Produkt beim Kunden ankommt. Aber durch mobile Apps und soziale Netzwerke können wir den Direktkontakt zu unseren Kunden stimulieren. Mit einem unserer Retail-Partner starten wir das Projekt „Choicify“: Eine mobile App, die es ermöglicht, hochgradig realitätsnah eine Auswahl in der Kategorie der Haarfarbe zu treffen – unter allen auf dem Markt verfügbaren Marken. Damit können Sie sehen, wie dieses konkrete Produkt bei Ihnen aussehen wird, wie sich Ihr Stil verändern wird. Auf diesem Wege kommunizieren wir mit dem Verbraucher, begreifen, was er möchte, was ihn interessiert. Dies wiederrum macht Neuentwicklungen möglich.


Das Interview führte Elena Grigoreva.

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