Bautex

Stoff für große Träume

Ein deutscher Unternehmer schafft das Comeback in Russland

Zwischen tosenden Maschinen ist Achim Lutter am Ziel seiner Träume. Endlich Produzent. Ein Hauch von industrieller Revolution weht durch seine Hallen in der russischen Provinz. Zweihundert Webmaschinen machen 250 Kilometer östlich von Moskau aus weißem Garn breites Gewebe. „Stoff“, wie Lutter sagt, der Ingenieur aus Hamburg, der in Russland nach einigem Auf und Ab zum Weber wurde.

Er ist einer der Deutschen, die hier ein eigenes Unternehmen gegründet haben.

Man kann sich Achim Lutter, diesen energischen Mann mit trendiger Hornbrille und auffälliger Krawatte, schwer ganz unten vorstellen. Wie er, ohne feste Wohnung und hungrig, kistenweise Technik für Computer an einem der Moskauer Bahnhöfe „vertickte“. Lutter vergisst auch dann nicht sein Manager-Lächeln, wenn er von seiner schwierigsten Zeit in Russland erzählt.

Vor einem Vierteljahrhundert kam er nach Russland, um mit Erdöl zu handeln, „Öl von A nach B zu bringen“, wie er heute sagt. Ihn drängte es nach mehr. Er gründete eine Kupferfolien-Fabrik für die damals neue Computerindustrie.


Doch als das Werk erste Erträge einbrachte, wurde es ihm „von der Mafia“ weggenommen, wie er sagt. „Herr Lutter, in fünf Minuten sind Sie vor dem Tor und kommen nie wieder“, lautete seine Verabschiedung als Unternehmer im Russland der Neunzigerjahre. Lutter wehrte sich vor Gericht und putzte Klinken, musste aber einsehen, dass er eine Bruchlandung hingelegt hatte. Geblieben ist er trotzdem. 

„Ich wollte Russland nicht den Rücken kehren“, erinnert er sich.

Er habe viel positive Energie in diesem Land gespürt, eine Aufbruchsstimmung. Dass er selbst Pech hatte, habe daran nichts geändert. Und Lutter ergänzt: „Aufgeben liegt nicht in meinem Naturell.“

Heute ist der Mittfünfziger schon lange wieder voll im Geschäft, als Miteigentümer und Generaldirektor des Unternehmens BauTex. Zusammen mit seinem Partner Michail Kamenskij (im Bild links) betreibt er eine Fabrik in der Provinzstadt Gus Chrustalnyj, der Wiege des russischen Glasgewerbes.

Während die historische Glasfabrik seit dem Ende des Kommunismus nur noch musealen Wert hat, gibt es hier mittlerweile moderne Unternehmen wie das von Lutter, bei dem Glas nicht am Ende, sondern am Anfang der Produktionskette steht.

Lutter, der Weber, verarbeitet hier Glasfasern zu Hightech-Materialien. „Schönheit und Stärke“, fasst er deren Einsatzgebiete zusammen: Glasfasertapeten können mit schicken Mustern versehen werden und sind erste Wahl in Büros und Krankenhäusern, weil sie strapazierfähig und schwer entflammbar sind.

BauTex produziert auch technische Gewebe, die etwa Dächer, Yachten, Autos, Windmühlenflügel oder Straßen verstärken. Ein bekanntes russisches Sprichwort lautet, dass „Dummköpfe und Straßen“ die größten Probleme des Landes seien. Für zumindest eines von ihnen bietet BauTex Lösungen an.

Auf die Geschäftsidee kam Lutter, als er im Auftrag eines deutschen Unternehmers günstige Glasfasern in Russland suchte.

Er mietete das Lager einer verfallenen Fabrik und startete zur Jahrtausendwende mit drei gebrauchten Webmaschinen aus Deutschland die Produktion.

Heute beschäftigt BauTex sechshundert Mitarbeiter und erwirtschaftet einen Jahresumsatz von fünfzig Millionen Euro. Lutter stellt in Russland und inzwischen auch in Polen über hundert Millionen Quadratmeter Gewebe pro Jahr her.

Sogar aus China gibt es schon einen Auftrag, berichtet Lutter. Insgesamt geht ein Drittel seiner Ware in den Export, vor allem nach Deutschland. Russland möchte der Welt mehr als Öl und Gas bieten. BauTex zeigt, wie das gelingen kann.

Bei BauTex ist man stolz darauf, bisher das einzige Unternehmen zu sein, das in Russland Glasfasertapeten herstellt. Arbeiter ziehen Glasfäden in die Webmaschinen ein, die mit mehreren Schlägen pro Sekunde die Fäden rechtwinklig miteinander verkreuzen. Aufmerksam kontrollieren sie den Prozess, tauschen das Garn aus, wenn einer der Fäden reißt, wechseln die Spindeln, von denen die Webstühle gespeist werden.

Langsam schiebt sich das entstandene Gewebe auf immer dicker werdende Rollen. Anschließend wird es mit Chemikalien imprägniert und versandfertig im Lager gestapelt.

Um die Wartung der unzähligen Maschinen kümmern sich auch Mechatroniker des ersten Jahrgangs der dualen Ausbildung, die BauTex seit einigen Jahren anbietet. Lutters Unternehmen ist einer der Pioniere, die an der Initiative der Deutsch-Russischen Auslandshandelskammer (AHK) teilnehmen.

Seine Auszubildenden verbringen ihre Zeit zu gleichen Teilen in der Fabrik und in einem örtlichen Berufscollege. Dem Unternehmen sichert das die Mitarbeiter von morgen, für die Regionen bedeutet es, dass weniger junge Menschen abwandern, weil sie keine Arbeit finden.

Mit BauTex hat Lutter in Russland Wurzeln geschlagen, die immer tiefer greifen. In Zukunft will er auch die Glasfasern, seinen Rohstoff, selbst produzieren. Allein dafür wird BauTex etwa hundert Millionen Euro investieren. „Wir haben noch Großes vor“, sagt der Unternehmensgründer, diesmal ohne zu lächeln.

Achim Lutter ist noch lange nicht am Ende seiner Träume.

Fotos: Hans-Jürgen Burkard

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