Claas

Kolosse mit Gefühl

Wie aus deutscher Technologie russische Mähdrescher werden

Schweißgebadet kommt der Bauer abends vom Feld zurück, mit Öl an den Händen und Staub im Gesicht. „Das war einmal“, sagt Ralf Bendisch, Generaldirektor von Claas in der südrussischen Großstadt Krasnodar. „Heute kann der Landwirt ein blütenweißes Hemd tragen, wenn er über seinen Acker fährt.“

Mit klimatisierten, staubdichten Kabinen und Bordcomputern sind die Mähdrescher und Traktoren von Claas aus dem westfälischen Harsewinkel zu modernen Arbeitsplätzen geworden, zu Hightech-Büros auf Rädern.

Und sie haben ein besonderes Gespür. Schon bei der Ernte registrieren sie, wo das Korn gut wächst und wo es mehr Nährstoffe braucht. Die Informationen leiten sie über Satellit an andere Maschinen weiter, damit diese an den entsprechenden Stellen stärker düngen. Auch schnurgeradeaus können sie fahren, parallel zu den Bahnen, die sie bereits gezogen haben. Per Knopfdruck und Touchscreen optimiert der Fahrer die Einstellungen, während das bis zu vierzehn Tonnen schwere Fahrzeug wie von selbst arbeitet.

Produziert werden die Kolosse mit Gefühl für Getreide auch in Russland. Am Stadtrand von Krasnodar lässt Claas seit mehr als zehn Jahren Traktoren zusammenschrauben. Im zweiten, neueren Teil des Werks entstehen Mähdrescher. Dort liegen zu Beginn noch nackte Stahlplatten auf Schweißtischen. Am Ende fährt ein vier Meter hoher Mähdrescher durch das Fabriktor.

Roboter schneiden und biegen das Material, baden es in dreizehn gewaltigen Wannen, die mit Wasser, Chemikalien und Farbpigmenten gefüllt sind. Wenn die Türen und Gehäuseteile die typische Claas-grüne Farbe haben, fügen die Mitarbeiter sie zusammen und bestücken sie mit Motoren, Reifen und Fenstern. 

Was herauskommt, ist deutsche Technologie, aber „Made in Russia“.

Um als heimischer Produzent zu gelten und Zugang zu Aufträgen staatlicher Unternehmen zu bekommen, hat der deutsche Mittelständler als erstes ausländisches Unternehmen mit der russischen Regierung einen „Spezinvestkontrakt“ abgeschlossen, einen Sonderinvestitionsvertrag. Darin verpflichtet Claas sich, einen großen Teil der Fertigung im Land durchzuführen. Im Gegenzug hat es die gleichen Bedingungen wie die russischen Konkurrenten und profitiert auch von staatlichen Förderprogrammen für die Landwirtschaft.

So können heimische Landmaschinenbauer zum Beispiel ihre Fahrzeuge mit Rabatt verkaufen und sich den fehlenden Betrag vom Staat erstatten lassen. Dadurch sollen mehr Landwirte zu neuen Maschinen kommen, denn daran mangelt es auf russischen Feldern noch immer. Mancherorts kann wegen des veralteten Fuhrparks nicht die gesamte Ernte eingebracht werden.

Mit dem Ende der Sowjetunion brach Anfang der Neunzigerjahre die russische Landwirtschaft zusammen. Erst langsam erholte sich die Branche und ist heute eine der dynamischsten. So wurden 2017 rund 140 Millionen Tonnen Getreide geerntet, eine Menge, die Russland nicht einmal zu den besten Zeiten der Sowjet­union erreichte. Wobei das Potenzial noch lange nicht ausgeschöpft ist. Nach Schätzungen liegt derzeit eine zu Sowjetzeiten genutzte Ackerfläche brach, die insgesamt etwa so groß ist wie Deutschland.

Derzeit werde ein Zehntel des russischen Getreides mit Claas-Mähdreschern eingebracht, rechnet Claas-Generaldirektor Bendisch vor. Das Unternehmen hat in den Neunzigern erste Maschinen in die landwirtschaftlich starken Regionen des Landes geliefert. Schon damals begann es, ein Händlernetz mit Servicestützpunkten aufzubauen.

Anfang des neuen Jahrtausends eröffnete das Werk in Krasnodar, in der Kornkammer Russlands, wie die Region am Fluss Kuban genannt wird.

Wie viele deutsche Unternehmen hatte Claas große Schwierigkeiten, heimische Zulieferer zu finden und musste Bauteile aus Deutschland importieren. Von mehr als tausend Unternehmen, die sich Claas angesehen hat, wurden nur vierzig zu dauerhaften Partnern.

Inzwischen aber produziert Claas mehr und mehr Komponenten in Russland. Die Firma hat über 120 Millionen Euro in den Ausbau der Fabrik in Krasnodar investiert, so viel wie noch nie an einem Standort außerhalb Deutschlands. Die Zahl der Mitarbeiter wuchs auf mehr als vierhundert. Kunden sind einzelne Betriebe ebenso wie große Agrarholdings.

Ein geringer Teil wird nach Kasachstan und in andere Nachbarländer exportiert, die meisten Maschinen rollen per Bahn oder Tieflader in die fruchtbaren russischen Regionen. Selten kommt es vor, dass ein Bauer seinen Mähdrescher selbst abholt und auf eigenen Rädern mehrere hundert Kilometer nach Hause fährt, bei einer Höchstgeschwindigkeit von zwanzig Stundenkilometer.

Einmal im Jahr, zur Erntezeit, tauscht auch Bendisch seinen Schreibtisch gegen das Büro auf Rädern. Wenn er davon erzählt, gerät er ins Schwärmen. In einer knappen Stunde könne er mehr Getreide dreschen, als er in seinem ganzen Leben Brot essen werde. „Man denkt, man sitzt in einem Rennwagen, so viel Adrenalin hat man im Blut, wenn man diese Riesenmaschine bewegt“, sagt der Generaldirektor.

Auch im modernen Mähdrescher kann es dann ein paar Schweißperlen auf der Stirn geben.

Fotos: Hans-Jürgen Burkard

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