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Knauf

Evolution statt Revolution

Wie ein Familienunternehmen zur Brücke zwischen Deutschland und Russland wurde

Das neue Mariinski-Theater in Sankt Petersburg hat sie, das Luschniki-Stadion in Moskau und der Olympia-Park in Sotschi auch. Viele Russen leben mit ihr in ihren vier Wänden: die Gipsplatte von Knauf. Das Paradeprodukt des fränkischen Familienunternehmens hat unter dem Slogan „Deutscher Standard“ Russlands Baustellen und Baumärkte erobert. 

Knauf hat dafür in den vergangenen zwei Jahrzehnten mehr als anderthalb Milliarden Euro investiert und gilt als ein Musterbeispiel für deutschen Unternehmergeist in Russland.

Als Firmen-Patriarch Nikolaus Knauf unmittelbar nach Ende der Sowjetunion die Weichen für den Schritt nach Russland stellte, war das eine Entscheidung gegen den Trend der Zeit. Sein Unternehmen hatte zwar seit den späten Siebzigerjahren ein Vertriebsbüro in Moskau, investieren in großem Stil war jedoch ein Schritt ins Ungewisse. Was, wenn sich das noch junge, krisengeschüttelte Land wieder hin zum Kommunismus bewegte? Knauf war sich nach dem Mauerfall jedoch sicher, dass es kein Zurück geben würde: „Als in der damaligen Sowjetunion die Veränderungen einsetzen, war mir klar, dass sich das Land in Richtung Marktwirtschaft entwickeln würde“, erinnert er sich.

Nikolaus Knauf (links) und Manfred Grundke vor der Firmenzentrale im fränkischen Iphofen.

In Krasnogorsk befindet sich die Zentrale von Knauf in Russland ...

... sowie ein Werk für Gipsplatten.

Im August 1993 erwarb Knauf Anteile eines Gipswerks in Krasnogorsk, einer Stadt am Rande von Moskau. Wenige Wochen später rollten Panzer durch die Hauptstadt: Putsch, Verfassungskrise, das Parlament in Trümmern. Die Sowjetunion war Geschichte und Russland stand in jener Zeit mehrmals am Abgrund. Langfristig sollte Knauf Recht behalten. Russland ist ein Markt mit knapp hundertfünfzig Millionen Menschen. Viele lebten in maroden Häusern und Betonburgen – ein gewaltiges Potenzial für den fränkischen Baustoffhersteller. Es gelang Knauf, den beiden großen Konkurrenten aus Frankreich zuvorzukommen, den Konzernen Lafarge und Saint Gobain. 

Inzwischen beschäftigt die Knauf Gruppe allein in Russland etwa vier­tausend Menschen und betreibt siebzehn Werke. Fast jährlich kommen neue dazu.

„Knauf investiert in die Produktion“, fasst Jurij Michailow die Russland-Strategie der Firma zusammen, für die er seit zwei Jahrzehnten arbeitet. Wie keine andere ausländische Unternehmerschaft haben deutsche Firmen auf lokale Produktion in Russland gesetzt. Michailow leitet heute Knauf Petroboard bei Sankt Petersburg. Die Entwicklung des Tochterunternehmens ist typisch für die Expansion von Knauf. Den Beginn machte stets die Übernahme alter Werke, einschließlich der Belegschaft und des Managements. Evolution statt Revolution, heißt die Devise von Knauf, die Rekonstruktion erfolgt Schritt für Schritt: „Zu Beginn ist das immer ein Kompromiss zwischen lokalem Wissen und deutschem Knowhow“, weiß Michailow. Am Anfang kontrollieren Mitarbeiter aus Deutschland die Produkte. Top Qualität ist das Ziel, der Weg dahin bleibt den Managern überlassen. „Da gibt es viele Freiheiten“, sagt Michailow.

Michailows Werk stellt Karton her, ein für Knauf unverzichtbares Material. Die Gipsplatte besteht neben Gips aus zwei Schichten Karton, die ihr Festigkeit verleihen und einen großen Teil der Selbstkosten ausmachen. In anderen Ländern wird der Karton zugeliefert, in Russland wollte Knauf alles selbst in der Hand haben. 

„Produktion in Russland, mit russischen Materialen und für den russischen Markt“, benennt Michailow das Prinzip von Knauf. 

Später sollte das unter dem Namen „Lokalisierung“ in aller Munde sein und zur Regierungspolitik werden, lange, nachdem der fränkische Mittelständler es schon in die Tat umsetzte. Die Kartonfabrik in einem Vorort von Sankt Petersburg ist eine der größten in Russland und die einzige von Knauf weltweit. Berge von Altpapier füllen das Lager, so groß wie ein Bahnhof. Von Fließbändern fällt es in eine graue Brühe und löst sich darin auf. Die Masse wird geformt und energieaufwendig getrocknet. Einige Stunden dauert der Prozess, für eine Tonne Karton braucht man 1149 Kilogramm Altpapier. Die große Kartonmaschine im fast menschenleeren Werk arbeitet rund um die Uhr, nur an zwei Tagen im Monat steht sie für zwölf Stunden still, um gewartet zu werten. 

In dicken Rollen wird der fertige Karton dann zu den Knauf-Werken in Russland und einigen benachbarten Ländern transportiert.

Damit zukünftig bei Petroboard noch dünnerer Gipskarton noch schneller vom Band rollt, investiert Knauf fünfzig Millionen Euro in die Modernisierung der Karton­maschine, obwohl der russische Markt für Baustoffe seit Jahren stagniert. Zu seinen besten Zeiten erwirtschaftete Knauf in Russland ein Fünftel seines weltweiten Umsatzes. Doch seit der Rubel schwach ist, Kredite teuer sind und die realen Einkommen sinken, wird weniger gebaut.

Investieren in schwierigen Zeiten – das hat für das Familienunternehmen System. „Wir reduzieren unsere Investitionen nicht. Irgendwann bauen die Menschen wieder mehr und brauchen dafür Baustoffe. Wir werden mit dem Markt wachsen“, ist Janis Kraulis zuversichtlich, seit 2012 Geschäftsführer der „Knauf Gruppe GUS“. 

„Die aktuellen Investitionen sind ein Zeichen des Vertrauens in den russischen Markt und das lokale Management.“

So sieht es auch die deutsche Leitung der Knauf Gruppe. „Die aktuellen Investitionen sind ein Zeichen des Vertrauens in den russischen Markt und das lokale Management“, sagt Manfred Grundke, Geschäftsführender Gesellschafter der Knauf Gruppe. Schon in der Krise 1998 blieb der Mittelständler anders als viele Konkurrenten Russland treu. Dabei hatte Knauf zu der Zeit nicht nur mit den wirtschaftlichen Rahmenbedingungen zu kämpfen: Ein Werk in Südrussland wurde vom dortigen Geschäftsführer gekapert, anderswo überraschte die Steuerpolizei mit nicht nachvollziehbaren Forderungen. 

Mit Anwälten und politischen Kontakten gelang es Knauf, sich Recht zu verschaffen. Es erneuerte unbeirrt seine russischen Standorte, wie den in Nowomoskowsk drei Autostunden südlich von Moskau – den einzigen, an dem die zweite Zutat der Gipsplatten, der Naturgips, sogar unter Tage gewonnen wird.

650 Kilometer Stollen fressen sich hier durch die größte Gips-Lagerstätte Europas. Die Gesamtreserven werden auf mehr als eine Milliarde Tonnen Gips geschätzt, achtzig Jahre sollen sie noch reichen. Knauf übernahm in den Neunzigerjahren Grube und Gipswerk und modernisierte sie. 2009, mitten in der nächsten Wirtschaftskrise, steckte das Unternehmen weitere gut vierzig Millionen Euro in die Automatisierung unter Tage und einen Förderlift. Dies machte die Gipsgrube zur fortschrittlichsten der Welt, erzählen Mitarbeiter. Trotz Stagnation errichtete Knauf hier 2017 ein neues Werk für Platten aus Zement, der aus der naheliegenden Fabrik geliefert wird.

„Glück auf!“ steht auf Deutsch und Russisch über dem Fahrstuhl. Mit Helm, Lampe und Sauerstoffflasche für den Notfall geht es 130 Meter in die Tiefe. 

Zu den Abbaustellen fahren robuste Jeeps, deren Scheinwerfer die staubige Luft durchschneiden. Vierzig Kilometer pro Stunde sind erlaubt, es gilt die Straßenverkehrsordnung. Neunzig Fahrzeuge sind unter Tage im Dienst, dazu Bagger und Muldenkipper, so groß wie ein Haus. Noch sonderbarere Maschinen bohren mit langen Armen Löcher in Wände, in die Sprengstoff gesteckt wird, um den Gips herauszubrechen. Nach oben wird der Gipsstein vollautomatisch befördert. Fast schon einsam ist es daher im unterirdischen Reich von Knauf.

Arbeit unter Tage.

In der Grube von Nowomoskowsk gewinnt Knauf Naturgips.

Daraus entstehen in Krasnogorsk Gipsplatten.

In den Werken über der Grube trifft der graue Rohstoff auf den Karton aus Sankt Petersburg. 

Doch nicht nur Gipsplatten entstehen hier, sondern auch andere Knauf-Klassiker. Wie diese in einem modernen Gebäude zusammenwirken, ist in Moskau zu sehen, in einer der neuesten Sportstätten Russlands. Gipsplatten auf Metallprofilen trennen im Spartak-Stadion die einzelnen VIP-Bereiche, feuchtigkeitsbeständige Zementplatten finden sich auf den Tribünen der Gegengerade und in den Räumen der Fernsehkommentatoren dämmen schallabsorbierende Platten aus Gips den Lärm. Trockenmischungen zum Verputzen vervollständigen das Knauf-System. Ähnlich sieht es in den meisten russischen WM-Stadien aus. Knauf hat sich so selbstverständlich für das sportliche Großereignis 2018 qualifiziert, wie auch die deutschen Fußball-Weltmeister.

Aber Knaufs Geschichte in Russland ist mehr als eine von Zahlen und Märkten. 

Im Riesenreich fand Knauf Partner in der Politik, auf regionaler und auf höchster Ebene in Moskau, sowie unter den Bürgern an seinen Standorten. Dort repariert Knauf Brücken und Straßen, spendet an Schulen und Kirchen. Nikolaus Knauf ist russischer Honorarkonsul mit Sitz in Nürnberg. Er berät Unternehmen, die wie er vor einem Vierteljahrhundert den Schritt nach Russland wagen wollen, und baut so auch von Deutschland aus Brücken nach Russland.

Bei Wolgograd steht ein Monument für die besonderen Beziehungen dieser Nationen. 

Auf dem Soldatenfriedhof Rossoschka liegen Deutsche und Russen begraben, die im Zweiten Weltkrieg hier gegeneinander gekämpft haben. Wolgograd war damals Stalingrad, eine Stadt, die wie keine andere für das Leid steht, das Deutsche einst nach Russland brachten. Hier hat Knauf zusammen mit Partnern 2016 eine Friedenskapelle errichtet. Sie mahnt nicht nur zu Frieden in Europa, sie ist ein Symbol für die Versöhnung zwischen Deutschen und Russen.

Fotos: Hans-Jürgen Burkard

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